Man sollte wissen: Die Behaglichkeit unter dem Rockzipfel des Staates hat ihre Grenzen. Er muss warnen, selbst vor dem leisesten Windchen. Ob einem Bürger ein Ast auf den Kopf zu fallen droht oder Hochwasser, Windböen oder große Kälte bevorstehen – er muss ständig warnen, meist völlig übertrieben. Er tut das nicht aus Fürsorge, sondern aus Vorsorge in eigener Sache. Der Staat hat gewarnt, also kann er nicht mehr verantwortlich gemacht werden. Diese Umstände führten in den Medien zu einem übertriebenen Nachrichtendruck. Es kommt noch dazu, dass der Deutsche ohne Katastrophenmeldungen nicht leben kann. Rückläufige Leserzahlen der Druckmedien machen es zur Umsatzpflicht, die tägliche Apokalypse ins Volk zu hämmern. Dem Staat kann es recht sein, denn ein ängstliches Volk ist leicht zu manipulieren.
Mein Beruf hat seine Versorgungsvorteile: Der Betrieb hat immer vier Zentner Mehl, zwei Zentner Reis, sackweise Mandeln, Zucker und noch viel anderes Unverderbliches an Bord, dazu jede Menge Werkzeug, ein Notstromaggregat, Geräte und auch Seile, um mich aufzuhängen. Es kann nichts schiefgehen. Da kann kommen, was will.
Viele Menschen heutzutage werden krank, sind traurig und depri, weil sie sich Angst und Katastrophenmeldungen ausliefern. Sie haben tagtägliches Magengrimmen und eine Gallenüberproduktion, der ganze Ranzen ist übersäuert. Ich für meinen Teil bin völlig angstfrei. Und wenn es dann so weit ist, dass ich Angst haben müsste, ist immer noch Zeit genug, mich ins Loch zu hocken und Verzweiflungsgesänge anzustimmen.
Eine ähnlich verunsicherte Welt hatten wir schon einmal. Es war die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert. Der Alltag wurde elektrifiziert, die ersten Autos knatterten, die Eisenbahnen erschreckten durch ihre hohe Geschwindigkeit. Was machten die Vorfahren? Da war der moderne Architekt Le Corbusier bereits geboren, doch man baute gotische Kirchen und äffte verzierte Barockschlösser nach. Die Menschen wandten sich rückwärts, weil sie vor der industriellen Zukunft Angst hatten.
Das rief auch Sigmund Freud, C.G. Jung und Alfred Adler auf den Plan. Psychowehwehchen und Hysterie hatten Hochkonjunktur.

