Gegenden, wo kein Wein wächst, gestatte ich mir allenfalls die Durchreise. Nach der uralten Devise „Rotwein ist für alte Knaben, eine von den besten Gaben“ fühle ich mich bei schwäbischen Spätburgundern so richtig zu Hause. Grob besehen: Unsere Winzer hier – besser geht es nicht.
Allerdings: Ein klein bissle geht immer. Die roten Burgunder des Franken Rudolf Fürst werden in Deutschland von kaum einem anderen Winzer erreicht. Ich denke, es liegt auch daran, dass Herr Fürst in den Neunzigerjahren originale französische Dijon-Burgunderreben gepflanzt hat.
Und doch, ein bissle besser geht immer: Dieses Jahr ist ein besonderes. Ich bin überhaupt kein Weinfanatiker, und oft ist mir ein Bier genauso lieb. Nun aber lasse ich es endlich raus: Meine Genusswelt hat sich in den letzten Monaten erheblich verändert, als Eva mir einen Gevrey-Chambertin von Philippe Charlopin zu probieren gab. Das Weingut, in Gevrey Chambertin ansässig, heißt genau genommen Philippe Charlopin-Parizot. Parizot ist der Name der Ehefrau, und dann gibt es noch Yann Charlopin und seine Sonia, die beide eigene Wege gehen und trotzdem mit dem Vater auf gutem Fuß zusammenarbeiten.
Zurück zu mir, dem Leonardo der Subjektivität. Mein Leben besteht aus 1 Prozent Analyse und 99 Prozent Gefühl. Deshalb traue ich mir zu behaupten, dass die momentan feingliedrigen, bisweilen femininen Weine der Bourgogne dem Zeitgeist folgend zu weniger Alkohol und mehr Frische neigen. Charlopin schafft es aber, den Alkohol niedrig zu halten und seinen Weinen trotzdem eine bärenstarke Basis zu geben. Nichts ist schwieriger als das, und sollte Ziel aller Winzerei sein.
Man denkt, ob ein Wein 13 oder 14 Prozent Alkohol hat, sei belanglos – mein Gott, ein Prozent! Ich trinke fast jeden Tag eine Flasche Wein, manchmal nur zur Hälfte; der Rest wandert ins Essigfass. Bis 13,5 Prozent wache ich am anderen Tag glockenklar auf. Ein halbes Prozent mehr, und ich komme morgens nur schwer in die Gänge.
Philippe Charlopins Weine, konzentriert, dunkel und fruchtreich, sind bei aller Kraft des Dufts und Aromas und ihrem satt-dichten Hintergrund immer hochelegant. Es sind Weine, die auch jene Kontur haben, die wirkliche Klasse ausmachen. Wenn ich sie mit der “Domaine de la Romanée-Conti” vergleiche, lässt sich letztlich nichts vergleichen.
Charlopins Weine bekommen Sie, liebe Leserinnen und Leser, nur bei uns serviert.
Mein Dank gilt meiner Tochter, dass ich alter Kerl so etwas noch erleben darf.

