Vincents Tagebuch

Am Quell des Quasselns

27. Oktober 2026 | Tagebuch

Wer sich heute für Wein interessiert, dem wird kaum vom Weintrinken schwindlig, sondern vielmehr vom Verbal-Gebläse unzähligen Typen, die sich Sommeliers nennen. Diese haben einen brandneuen IHK-Kurs hinter sich und sind oft so jung und unerfahren, dass es besser wäre, sie würden sich um die Welt  Gummibärchen kümmern. Blogger, Influencer, Quatschköpfe – eine Übermacht an persönlichen Meinungen und Irrwegen ist unterwegs.
Eine gute Idee zur Weinkenntnis wäre, sich an soliden Quellen zu orientieren, beispielsweise an den großen Klassikern der Weinliteratur. Als da wären:

Hugh Johnson ( 1939), England

Einer der bedeutendsten Weinautoren überhaupt. Ein gebildeter, eleganter Stilist, der Wein als Kulturgut versteht. Sein Großer Weinatlas und Die Geschichte des Weins gehören zu den Standardwerken. Johnson ist eher ein verständiger Weinliebhaber als ein Punkteverteiler.

André Simon (1877–1970), Frankreich/England
Ein großer Gentleman der klassischen Weinkultur. Historiker, Gastronom und Weinkenner. Seine Bücher sind heute vermutlich nur noch antiquarisch zu finden.

Michael Broadbent (1927–2020), England
Eine Legende der Weinverkostung. Jahrzehntelang bei Christie’s tätig und einer der größten Kenner alter Bordeaux- und Burgunderjahrgänge. Sein Buch The Great Vintage Wine Book ist ein Klassiker.

Émile Peynaud (1912–2004), Frankreich
Der große französische Önologe des 20. Jahrhunderts. Professor in Bordeaux, wissenschaftlich fundiert, aber auch ein ausgezeichneter Verkoster. Sein Buch Le Goût du Vin (deutsch: Die hohe Schule für Weinkenner) ist eine besonders empfehlenswerte Lektüre. Peynaud verband Sensorik, Psychologie und Önologie.

Die großen Kenner der jüngeren Generation
Jancis Robinson ( 1950), England
Eine der seriösesten Stimmen der internationalen Weinwelt. Wissenschaftlich präzise, unabhängig und ausgesprochen kenntnisreich. Herausgeberin des Oxford Companion to Wine und Mitautorin des World Atlas of Wine.
Clive Coates (1941–2022), England
Einer der bedeutendsten Burgunderkenner. Seine Bücher über die Côte d’Or sind Standardwerke. Er kannte die Winzer, ihre Weinberge und die Eigenheiten der einzelnen Lagen außerordentlich gut.
Robert Parker ( 1947), USA
Gehört auch dazu, obwohl ich ihn gar nicht leiden mag. Er ist wohl der einflussreichste Weinkritiker der vergangenen Jahrzehnte. Seine 100-Punkte-Bewertung veränderte den internationalen Weinmarkt. Fachlich zweifellos bedeutend, allerdings wegen seines Einflusses auf einen konzentrierten, kraftvollen Weinstil auch zu Recht umstritten.

Bedeutende deutschsprachige Weinkenner
Rudolf Knoll ( 1947), Deutschland
Immer noch voll aktiv. 2025 erschien sein Buch Baden. Meine Weinheimat – Menschen, Geschichte, Reben. Für Dezember 2026 ist ein weiteres Werk angekündigt: Fabelhaftes Weinland Deutschland, mit Fotografien von Armin Faber. Darin porträtiert er 50 deutsche Weingüter und stellt 150 Weine vor. Knoll gehört zu einer Generation von Weinjournalisten, die ihre Kenntnisse vor allem durch jahrzehntelange persönliche Begegnungen mit Winzern erworben haben.

Stuart Pigott ( 1960), England/Deutschland
Einer der interessantesten Kenner des deutschen Rieslings. Unkonventionell, kritisch und mit großer Nähe zu den Winzern. Seine Bücher verbinden Fachkenntnis mit journalistischer Lebendigkeit.

Jens Priewe ( 1947), Deutschland
Weinjournalist und Buchautor. Sein Buch Wein – Die große Schule vermittelt fundierte Kenntnisse über Weinbereitung, Rebsorten und Weinregionen.
René Gabriel ( 1957), Schweiz
Ein außergewöhnlicher Bordeauxkenner, berühmt für seine umfangreichen Verkostungsnotizen und sein Wissen über große Jahrgänge.

WEINGLÄSER
Ich habe noch den legendären Prof. Riedel in Kufstein kennengelernt. Wir kamen uns nahe als Weinliebhaber aber auch wegen der Motorräder. Er war überzeugter Harley-Typ und sah auch so aus. Ich knatterte auf frisierten auf Moto Guzzi.

Claus Josef Riedel revolutionierte in den 1950er- und 1960er-Jahren das Weinglas. Bis dahin waren Weingläser häufig dickwandig, geschliffen, verziert und nicht selten farbig. Das Glas war vor allem ein dekorativer Gegenstand. Im “Postillion” in Schwäbisch Gmünd begannen wir mit Gläsern der Josephinenhütte Graf Schaffgotsch. Die sehr schweren und dicken Bleikristallgläser wurden auch ans englische Königshaus geliefert. Dann lernte ich Prof. Riedel kennen. Er erkannte, dass die Form eines Glases erheblichen Einfluss darauf hat, wie wir einen Wein riechen und schmecken. Drei Eigenschaften waren für ihn entscheidend:
Die Größe des Kelches: Sie bestimmt, wie viel Raum der Wein zur Entfaltung seiner Aromen erhält.
Die Form des Kelches: Sie beeinflusst wie sich die flüchtigen Aromastoffe im Glas sammeln und zur Nase gelangen.
Die Öffnung des Glases: Ihr Durchmesser beeinflusst die Konzentration der wahrgenommenen Aromen und das Trinkverhalten.
Riedel entwickelte deshalb dünnwandige, elegante, langstielige Gläser ohne überflüssige Verzierungen. Dünnwandig auch, weil die dicken Gläser sofort ihre Wärme an den Wein abgeben und der Wein in Minutenbruchteilen um zehn Grad wärmer wurde.

1958 entwarf Riedel sein berühmtes Burgunder-Grand-Cru-Glas mit einem ungewöhnlich großen, bauchigen Kelch. Seine Grundgedanke ist heute noch überzeugend: Die Glasform beeinflusst tatsächlich die Geruchswahrnehmung und damit den Gesamteindruck eines Weins.
Seine Vorgaben sind immer noch allgemeingültig. Die Glasindustrie braucht natürlich Umsatz und nach den Vorgaben des Prof. Riedel werden heute jede Menge unterschiedlicher Formen produziert. Für Kenner ist das klassische Bordeauxglas immer noch relativ klein  und das bauchigere für Burgunder ebenfalls, wenngleich auch manche Influenzer glauben, dass riesige Goldfischkugeln mehr Eindruck schinden. Trotz allem, mir ist ein Romanée Conti im Senfglas lieber als ein Amselfelder im dünnstieligen Ballon.

Die Behauptung, jeder Rebsorte müsse ein eigenes Glas zugeordnet werden, ist wissenschaftlich nicht in dieser Allgemeinheit gesichert. Auch die früher verbreitete Vorstellung, verschiedene Zonen der Zunge seien ausschließlich für bestimmte Geschmacksrichtungen zuständig, gilt als widerlegt.

Sein eigentliches historisches Verdienst
Er hat das Weinglas von einem dekorativen Trinkgefäß zu einem funktionalen Werkzeug des Genusses gemacht. Sein Sohn Georg Josef Riedel führte diese Idee weiter und entwickelte die rebsortenspezifischen Gläser zu einem internationalen Geschäft. Heute wird die Tradition von seinem Enkel Maximilian fortgesetzt.