Liebe Leserinnen und Leser,
wollen Sie etwas Berühmtes zu Hause haben – mindestens so berühmt wie, wenn nicht berühmter, als Michelangelos Davidstatue, oder die Mona Lisa? Ich kann helfen: Kaufe Sie sich eine Flasche Maggi und bringe sie in Position. Bauen Sie sich in Ihrer Küche einen kleinen Olymp und stelle das Maggifläschchen obenauf. Es ist die Ikone des 20. und 21. Jahrhunderts.
Julius Maggi (1846–1912) errichtete in Kemptthal bei Zürich eine Fabrik für Suppenmehl, Flüssigwürze und Brühwürfel. Den Grundstein für das spätere Imperium legte bereits Julius’ Vater Michael Maggi. Er war als politischer Flüchtling mit unternehmerischem Geschick nach Zürich gekommen. Geboren wurde er 1807 in Monza; 1815 fiel seine Heimat als Teil des Königreichs Lombardo-Venetien an Österreich.
Maggis Eltern waren solide Bürger und konnten ihrem Sohn ein Medizinstudium finanzieren. Dieser schloss sich jedoch der Widerstandsbewegung der Carbonari an und geriet ins Visier der österreichischen Polizei. Es war höchste Zeit, sich in die Schweiz abzusetzen. Italienische Fluchtgeschichten dieser Art endeten häufig im Früchtehandel. Später konnte er mit etwas geerbtem Geld eine Mühle bei Frauenfeld kaufen.
Aus Michele wurde nun, schön schweizerisch, Michael. Er heiratete in eine alte Zürcher Familie ein, die ihr Vermögen mit bedruckten Stoffen gemacht hatte. Es war natürlich ganz und gar nicht im Sinne der Zürcher Großbürger, dass ihre Tochter einen zugewanderten Italiener heiratete. Böse Zungen behaupteten, dahinter habe Strategie gesteckt: Michael Maggi habe das Töchterlein der vornehmen Zürcher Familie geschwängert. Der Schwiegervater, Großrat Johannes Esslinger, gewährte ein Darlehen, sodass der Mühlenbetrieb großzügig erweitert werden konnte. 1861 übernahm Michael Maggi eine zweite Mühle in Kemptthal, einem Ort zwischen Winterthur und Zürich.
Sein Sohn Julius Maggi wurde 1846 in Frauenfeld geboren, wuchs prächtig heran und erhielt eine gute Ausbildung. Er war allerdings ein katastrophaler Schüler, weshalb die Eltern es bald mit einem Privatlehrer versuchten. Auch das funktionierte nicht, und der Bub wurde in Yverdon in ein Internat gesteckt. Dort hielt er es immerhin zwei Jahre lang aus. Es folgte eine kaufmännische Lehre in Basel, bei der der kleine Julius den internationalen Handel kennenlernte. Er stellte sich geschickt an und war tüchtig, brach aber auch diese Lehre vorzeitig ab. Die Eltern brachten ihn anschließend bei einem befreundeten Unternehmer in Ungarn unter. In der ungarischen Großmühle Haggenmacher sollte der 21-Jährige Fuß fassen. Julius machte sich gut und gewann zunehmend an Format.
1869 geriet die Frauenfelder Mühle seiner Eltern in Schwierigkeiten. Julius kehrte in die Schweiz zurück. Gemeinsam mit einem Freund sanierte er den Betrieb, doch der Erfolg blieb begrenzt. Mittlerweile war die Konkurrenz durch Großmühlen übermächtig geworden, sodass mittlere und kleine Mühlen eine nach der anderen schließen mussten.
Ein Arzt aus dem Kanton Glarus stellte damals fest, dass die Arbeiter häufig an Mangelernährung litten, weil ihnen die Zeit für die Zubereitung gesunder Mahlzeiten fehlte. So entstand die Idee, aus Leguminosen – Linsen, getrockneten Bohnenkernen und Erbsen – ein nahrhaftes Mehl herzustellen. Es war die Geburtsstunde des Suppenmehls, und die elterliche Firma war gerettet. Ganz neu war die Idee allerdings nicht. Die Erbswurst war bereits 1867 vom Berliner Koch und Konservenfabrikanten Johann Heinrich Grüneberg erfunden worden. Grüneberg verkaufte seine Erfindung für 35.000 Taler an den preußischen Staat. Im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 wurde die Erbswurst in großen Mengen als Soldatenverpflegung eingesetzt; 1889 übernahm Knorr ihre Herstellung.
Doch letztlich war diese Armennahrung ein wenig fad und kam nicht recht in Schwung. Der Durchbruch gelang Julius Maggi 1886 mit seiner Flüssigwürze und anschließend mit dem Brühwürfel. Der Inhalt des Maggifläschchens, das heutige Produkt besteht hauptsächlich aus Wasser, biologisch aufgeschlossenem Weizenprotein, Kochsalz – chemisch Natriumchlorid –, Mononatriumglutamat (E 621), Dinatriuminosinat (E 631), Aromastoffen und geringen Mengen Zucker. Die genaue Zusammensetzung der Aromastoffe ist ein Betriebsgeheimnis. Bemerkenswert ist, dass Liebstöckel, das sogenannte Maggikraut, in der Maggi-Würze nicht enthalten ist. Mit diesem Produkt expandierte die Firma Maggi geradezu explosionsartig. Niederlassungen in Paris, Berlin, Singen, Bregenz, Wien, London und den USA wurden gegründet.
Die letzten Jahre Julius Maggis waren von großen Erfolgen und rastloser Arbeit geprägt. Nach der Pariser Weltausstellung verlegte er 1901 seinen beruflichen Mittelpunkt nach Paris. Dort gründete er eine Gesellschaft, die kontrollierte, pasteurisierte Milch vertrieb und damit auch die durch verunreinigte Milch verursachte Säuglingssterblichkeit bekämpfen sollte. Der Absatz stieg bis 1912 auf mehr als eine Million Liter pro Woche. Zugleich machte Maggi den Brühwürfel in Frankreich zu einem Verkaufsschlager. Trotz heftiger Angriffe französischer Milchhändler und nationalistischer Kreise wurde er 1907 zum Offizier der Ehrenlegion ernannt.
Maggi galt als rastloser Unternehmer, der kaum schlief und seine Gesundheit vernachlässigte. Dennoch setzte er sich weiterhin für soziale Verbesserungen in seinen Betrieben ein. Am 19. Oktober 1912 starb er, zehn Tage nach seinem 66. Geburtstag, in Küsnacht am Zürichsee an einem Gehirnschlag. Er hinterließ ein international erfolgreiches Unternehmen, das 1947 mit Nestlé vereinigt wurde.
Wichtig:
Auf der Wielandshöhe sollen Sie sich, liebe Leserinnen und Leser nicht wie zu Hause fühlen, sonst könnten Sie ja gleich zu Hause bleiben.
Also, bei uns gibt es nur reine Natur und keine Chemie, kein Lecithinschaum oder sonstige Entgleisungen.
In den eigneen vier wänden gelten für mich andere Regeln, da kann man sich das Leben meist nicht besser machen, aber leichter. Ein Spritzer Maggi im Kartoffelsalat kann man als Kult bezeichnen, ist aber echte Bewahrung der Tradition. Man darf einem Schwaben sein Butterbrot mit Maggi nicht wegnehmen. Oft mache ich mir am freien Tag einen Kopfsalat mit einem Essig aus den Resten von Grand-Cru- Weinen. Es darf dann immer wieder auch ein Spritzer Maggi dran. Wir leben in einer Zeit, in die Zwischentöne, blockwartmäßig nicht erlaubt sind, alles ist schwarz-weiß, oder Daumen runter, Daumen hoch. Es herrscht eine Orthodoxie, die mich anwidert. Deshalb rauche ich dagegen, immer wieder eine Zigarette. Das mache ich auch um mich selbst zu jusgieren, dass ich keiner sucht anheim fallen kann. Das ist meine Form von Freiheit: Heute trinke ich eine Flasche Spätburgunder, morgen keine, immer wieder eine Zigarette, dann keine, und immer wieder einen Spritzer Maggi.

