Ezra Pound – der größte Dichter der Vereinigten Staaten von Amerika. Er wird nach wie vor weitgehend totgeschwiegen, was allerdings auch seine Gründe hat.
Liebe Laura,
der Mann war nicht einfach ein Lyriker, sondern ein Entdecker, ein Anstifter, ein unermüdlicher Briefeschreiber, ein Förderer anderer Schriftsteller und ein Mensch von geradezu ungeheuerlicher Belesenheit. Ohne ihn sähe die Literatur des 20. Jahrhunderts anders aus. Pound unterstützte T. S. Eliot, James Joyce und Ernest Hemingway, die immer wieder seinen Rat suchten. Er beschäftigte sich mit den Troubadouren der Provence, mit Dante, mit Konfuzius, mit chinesischer Dichtung, mit der italienischen Renaissance und mit der amerikanischen Wirtschaftsgeschichte.
Die Cantos sind Pounds Hauptwerk, an dem er ungefähr ein halbes Jahrhundert arbeitete. Dieses monumentale Großgedicht umfasst 116 nummerierte Gesänge. Es ist ein gewaltiges Tableau, das versucht, die Menschheitsgeschichte in einem einzigen Werk zusammenzufassen. Die Cantos enthalten Homer und die griechische Antike, die Troubadoure und Dante, die italienische Renaissance, chinesische Geschichte und Konfuzius, amerikanische Präsidenten und Wirtschaftsgeschichte, Musik, Mythologie, Naturbilder und persönliche Erinnerungen. Pound wollte damit deutlich machen, wie Kultur wächst und gedeiht und wodurch sie zerstört wird.
In Canto XLV erhob er den Wucher zu einer zerstörerischen Macht, die Kunst, Handwerk und menschliche Beziehungen ruiniert. Er war überzeugt, dass das moderne Wirtschaftssystem eine wesentliche Ursache vieler gesellschaftlicher Übel und Kriege sei. Auch glaubte er fest daran, dass eine gerechte Geldordnung die Gesellschaft grundlegend verändern könnte. Es verwundert nicht, dass seine Abneigung gegen das kapitalistische Amerika ins Unermessliche wuchs. Dabei verachtete er weniger Amerika selbst als vielmehr dessen Finanzkapitalismus. Er liebte Italien über alles, und so kam es auch zu seiner fatalen Hinwendung zu Benito Mussolini, dem er sogar persönlich begegnete. Keine Frage, Mussolini besaß eine gewisse Faszinationskraft und war rhetorisch wie intellektuell durchaus gewappnet. Doch mit seiner Ablehnung des amerikanischen Wirtschaftssystems und seiner grenzenlosen Liebe zu Italien verrannte sich Ezra Pound vollkommen. Die Frage, wie ein so gebildeter, künstlerisch empfindsamer Mensch zu solchen Überzeugungen gelangen konnte, beschäftigt seine Biografen bis heute.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Pound im Mai 1945 festgenommen und den amerikanischen Streitkräften übergeben. In einem Militärlager bei Pisa hielt man ihn zunächst in einem offenen, vergitterten Stahlkäfig gefangen, den Witterungseinflüssen schutzlos ausgeliefert. Es war eine entwürdigende Behandlung, die ihn schließlich an den Rand des Zusammenbruchs brachte. Man könnte dabei durchaus an den Umgang der USA mit anderen unbequemen Kritikern denken, etwa mit Edward Snowden, wenngleich die historischen Umstände grundverschieden sind.
Warum wandten sich ausgerechnet hochgebildete Künstler und Schriftsteller autoritären Ideologien und dem Antisemitismus zu? Ich denke dabei nicht nur an Pound, sondern auch an Louis-Ferdinand Céline, Knut Hamsun und Martin Heidegger. Gerade beim Antisemitismus begegnet man oftmals einer unglaublichen Blindheit, mit der selbst zahlreiche Genies geschlagen sind. Ezra Pound war immer ein sehr herzlicher, zugewandter und hilfsbereiter Mensch. Er hatte einen geradlinigen Charakter, ganz anders als beispielsweise Emil Nolde.
Liebe Laura, zu Pounds Antisemitismus, für den ich überhaupt keine mildernden Umstände geltend machen möchte: Er rührte daher, dass Juden in hohem Maße die Geldströme lenken. Das ist heute noch so. Es gibt geldgierige Wucherer unter ihnen, aber die findet man in noch höherem Maße bei Nichtjuden. Es ist doch wie überall auf der Welt: Man hat liebenswerte Nachbarn, und dann sind darunter auch richtige Arschlöcher.
Trotz allem bleibt eine beunruhigende Frage der europäischen Geistesgeschichte: Warum schützt höchste kulturelle Bildung nicht vor politischer Verblendung?

