Liebe Laura,
Du weißt ja, dass ich gern Kunstmuseen besuche. Weniger zieht es mich zur abstrakten Kunst, die mir zwar wichtig, zu der ich aber bislang noch keinen mentalen Zugang habe.
Darüber hinaus gibt es die Farbenpracht, die mir ins Auge springt und ich mich nur vor mein Restaurant begeben muss oder weiter oben, wo das verwaiste Edeka–Häuschen total von Farbsprühern zugedröhnt ist. Gehe ich dann gelöst durch die Fußgängerzone, steigert sich mein Puls, weil ich dort von zeitgenössischer Kunst geradezu umzingelt bin. Jetzt, wo es so schön warm ist, kann ich Oberarme, stachelige Waden oder aber auch stramme Dekolletés beäugen, die von Tattoos größtenteils verunstaltet sind. Ich sage größtenteils, denn es gibt auch schöne Tattoos. Die Frage ist nur: Warum tun sich selbst intelligente Menschen so etwas an? Die Anbringung der Kunstwerke soll schmerzhaft sein. Braucht es dazu Selbsthass? Lohnt es sich, weil man dadurch selbst zum Kunstwerk wird? Bei Dekolletees der Damen habe ich mir Gloz-Buße auferlegt: »Ja, nicht hingucken!« sondern nur starren Blicks in die Augen zielen. Das mache ich auch im Restaurant so, wenn mir die herrlichsten Wunder der Natur mit oder ohne Tattoo entgegenspringen. Für mein Alter steht die große Frage: „Noch Seher oder schon Spanner“.
Tätowierungen in Deutschland und Europa hatten sich immer an bestimmte Milieus gebunden: Seeleute, Soldaten, Strafgefangene, Schausteller oder bestimmte Subkulturen. Dass heute Ärzte, Juristen, Unternehmer oder Lehrer tätowiert sind, deutet auf kulturellen Bedeutungswandel.
Liebe Laura, mich interessiert die Psychologie, die sich hinter dem Tätowieren verbirgt. Ich denke, da kommt einiges zusammen.
Zuerst will ich die Identität ansprechen. Bei mir ist es so: Ich habe meinen dicken Ranzen, meinen schwäbischen Slang, manchmal glänze ich mit Bonmots und manchmal haue ich so daneben, dass es schon wieder lustig wird. Meine Identität ist meine Unvollkommenheit und obendrein, weil ich offensiv dazu stehe. Man könnte aber auch sagen: “Wenn du viel zwischen den Ohren hast, darf auch mal etwas herausfallen.”
Wer das alles nicht hat, der verwandelt mit einem Tattoo etwas Inneres in ein dauerhaftes äußeres Zeichen: eine Erinnerung, ein Idol, eine Überzeugung oder Lebensphase. Psychologisch kann es heißen: Meine Hautkunst gehört so wesentlich zu mir, dass ich es meinem Körper einschreibe.
Hinzu kommt: Durch die Tätowierung wird man offensichtlich zum selbstgestalteten Gegenstand. Die Unwiderruflichkeit scheint wichtig: Man entscheidet nicht nur über Haarschnitt, Kleidung, Sonnenstudio, Accessoires, sondern entscheidet sich für langfristige Konsequenz.
Womöglich ist der Schmerz Bestandteil des Rituals. Es soll Leute geben, für die ist Pein nicht bloß ein lästiger Nebeneffekt. Subjektiv verleiht sie der Tätowierung Bedeutung, wie man das auch von Initiationsriten kennt. Tattoos verleihen Individualität, aber auch Zugehörigkeit. “Ich bin unverwechselbar in der “Religionsgemeinschaft” der Tätowierten. Es ist zwar selten, aber in manchen Fällen könnte eine Tätowierung schöner sein als die blanke Haut.
Tätowierte wollen anders sein, das kann ich gut verstehen. In unseren heißen Tagen mit viel sichtbarer Haut ploppt nun ein Paradoxon an die Oberfläche der Wahrnehmung:
Aus dem Signal, der Abweichung, des Besonderen, ist Normalität geworden.
“Gell, liebste Laura, das Tätowieren solltest Du anderen überlassen! Du bist mir it Deiner langen Nase, Deinem schönen jüdischen Gesicht nahe an einem El-Greco-Portrait und maximal individuell.

