Briefe an Laura

Stefano Guazzos „La civil conversazione“

3. Oktober 2026 | Briefe an Laura

Liebe Laura,
die Regeln des Freiherrn von Knigge kennst Du. Der Mann wird im allgemeinen missverstanden. Ihm ging es nicht nur darum, wie man sich zu benehmen hat. Wer sein Buch wirklich gelesen hat, der weiß, dass die Äußerlichkeiten des Umgangs miteinander, von innerer Ordnung getragen werden müssen.

Viel, viel früher hat sich ein Philosoph mit Umgangsformen beschäftigt. Stefano Guazzo, 1574 in Brescia geboren brachte mit dem „Kodex der guten Manieren“, im Sinne eines kurzen Regelwerks, gesellschaftliches Verhalten zu uns. Immer noch heute gültig:

  1. Höre aufmerksam zu, statt selbst unaufhörlich zu reden.
  2. Rede nicht ständig von dir selbst. Prahlerei mit Wissen, Herkunft, Reichtum oder Beziehungen macht unsympathisch.
  3. Passe dich deinem Gegenüber an. Mit einem Gelehrten spricht man anders als mit einem Kind oder einem Fremden.
  4. Verbessere andere nicht unnötig. Einen Menschen wegen eines kleinen Irrtums bloßzustellen, zeugt nicht von Bildung.
  5. Widersprich maßvoll. Eine Meinungsverschiedenheit darf nicht zur Demütigung des anderen werden.
  6. Vermeide Rechthaberei. Wer immer das letzte Wort haben muss, verdirbt das Gespräch.
  7. Sprich verständlich. Gelehrsamkeit und Zitate sollen nicht dazu dienen, andere zu beeindrucken.
  8. Vermeide Klatsch und üble Nachrede, besonders über Abwesende, die sich nicht verteidigen können.
  9. Scherze, ohne zu verletzen. Spott über Gebrechen, Herkunft, Familie oder persönliche Schwächen überschreitet die Grenze.
  10. Lache nicht über deine eigenen Scherze.
  11. Zeige deine Fähigkeiten, ohne sie auszustellen.
  12. Beherrsche Zorn und Erregung. Selbstkontrolle gehört zum zivilisierten Umgang.
  13. Beobachte zunächst die Gesellschaft, ihre Stimmung und die beteiligten Personen, bevor du dich in den Mittelpunkt stellst.
  14. Behandle gesellschaftlich Niedrigergestellte anständig. Gerade dort zeigt sich echte Höflichkeit.
  15. Sei gegenüber Höhergestellten höflich, aber nicht unterwürfig. Schmeichelei ist ebenso unangenehm wie Hochmut.
  16. Wahre angemessene Vertraulichkeit. Nicht jede persönliche Frage darf gestellt und nicht jedes Geheimnis weitererzählt werden.
  17. Richte dein Benehmen nach der Situation. Unter Freunden ist anderes angemessen als bei einer förmlichen Zusammenkunft.
  18. Gute Gesellschaft beruht auf Gegenseitigkeit. Es geht nicht darum, selbst zu glänzen, sondern auch die anderen zur Geltung kommen zu lassen.
  19. Natürlichkeit ist die höchste Kunst. Vollkommene Höflichkeit soll nicht einstudiert wirken.

Liebe Laura, verkrampfe Dich bei der Einhaltung dieser Regen nicht, denn Regeln wollen und dürfen auch gebrochen werden.