Vincents Tagebuch

Was ist Glück,

7. August 2026 | Tagebuch

Eine kleine Urlaubsgeschichte

 

Als Kind hatten wir, wie auch jeder deutsche Dödel, Sehnsucht nach Hitze. Campingurlaub mit meinen fünf Geschwistern, dem Vater, der selbst in der Zelteverklumpung des Campingplatzes sich als Hausherr inszenierte. Mutter zappelte ständig am Rande der Totalerschöpfung. Ums Zelt und im Zelt trotz Putzteufel, überall in jeder Falte und Ritze Sand. Der Spruch um die Steigerung von »imposant« machte die Runde: »Imposant, im Popo Sand, im Arsch nen Felsen!«

Man war freiwillig unterwegs, denn hätte man einen derartigen Urlaub staatlich vorgeschrieben, wären die Verantwortlichen wegen Menschenquälerei im Gefängnis gelandet. An der spanischen Grenze, unweit des malerischen Orts Coulliure, der Inspirationsquelle für Henri Matisse, stieg das Thermometer gern auf 35 Grad, wenn nicht mehr. Das war toll, denn diese Hitze wurde als urlaubswichtig in den Urlaubsgehirnen verankert. An Attraktionen fehlte es nicht. Ich trabte ins Dorf, um Baguette zu kaufen. Danach wackelte man mit dem Papa auf den örtlichen Markt und lernte als Zwölfjähriger den mystischen Duft von Basilikum kennen. Ratatouille wurde gekocht. Viel Olivenöl, damals noch gern als Gastarbeiteröl geadelt, musste als Rutschhilfe herhalten. Pastachiutta mit Corned-Beef-Sugo à la Vicco Torriani, aber auch Gigot vom Lamm, also sonntags die Lammkeule aus dem Schmortopf mit Rosmarin, den ich am Rande des Zeltplatzes, wo die Hunde hinscheißen, ernten konnte. Der Rest des Abenteuerurlaubs waren deutsche Dosenwurst, Mamas affensaurer Johannisbeersaft, samt fünf Kisten Dinkelacker-Bier für Papa. Für diese schwäbischen Survival-Rationen hatte der Familienvorsteher, ich nannte ihn auch gern »unsere Vorsteherdrüse«, einen Doppelachs-Anhänger angeschafft.

Wie auch immer, nach der Mampferei war Mittagsruhe, oft auch Koma. Dann zum späten Nachmittag wurde es wieder richtig spannend: Die Family trottete an den Strand. Es war die Zeit, als Espadrillos, geflochtene Badeschlappen, der letzte Schrei waren. Diese Jesuslatschen waren unglaublich segensreich. Wir Kinder waren eigentlich immer barfuß unterwegs, hatten uns aber Brandblasen zugezogen. Die Rettung waren diese Flechtwerk-Puschen. Relativ schnell brach die Nacht herein und die Familienrunde versammelte sich um eine Camping-Gaz-Leuchte. Mama und Papa gaben sich einer Durchschlaftherapie hin, die ich täglich in der Weincooperative mit der Zweieinhalbliter-Alu-Milchkanne zu bunken hatte. Zwei Variationen konnte ich mir aus den Fässern abzapfen lassen. Die billigere Variante des »Rouge« brachte es auf 12 Prozent. Ich musste nur sagen »douze degrés« oder den Stoff für den Vater »quatorze degrés«, also vierzehn Umdrehungen. Die Tage und Nächte auf dem Campingplatz waren totale Ödnis, aber interessant, weil so ein Erlebnis daheim nicht zu bekommen war. Das Schönste am Urlaub war, dass man allen Nachbarn erzählen konnte, wie toll blau das Meer in Coulliure war.

Collioure