Vincents Tagebuch

Too many Bullshitters

9. Oktober 2026 | Tagebuch

GUTE ALTE ZEIT

Davon kann keine Rede sein, aber ein bisschen Sehnsucht habe ich trotzdem. Dass damals auch schon viele Idioten unterwegs waren ist sicher, aber sie hatten weniger Möglichkeiten die Öffentlichkeit zu verschmutzen.

Mit den sozialen Medien hat jeder, vom Genie bis zum Debilen eine Stimme, und das empfinde ich als das Recht eines jeden Artgenossen.

Anders verhält es sich damit, wie sich die Nachrichtenmedien auf jeden Blödsinn stürzen und meine Artgenossen und mich aufs Übelste belästigen.

Die Frau unseres Ministerpräsidenten, Flavia Zaka, ist in Albanien geboren und in Kanada aufgewachsen. Englisch ist ihr sicher vertrauter, als ihre albanische Muttersprache. Die Frau hält eine Rede auf Englisch bei der Landesgartenschau in Ellwangen. Die Ellwanger verstehen nur wenig. Das ist aber auch egal, denn die Frau hat eine enorme Ausstrahlung, da genügt eigentlich die bloße Anwesenheit. Sie hat sich bestimmt nichts dabei gedacht. Sie ist einfach in verschiedenen Sprachen zu Hause, das nehme ich jetzt mal ganz frech an.

Über solche Nebensächlichkeiten, eine Rede die nicht auf Schwäbisch gehalten wurde, ist mir jeder Gedanke zu viel. Kurzum, alles wurscht, Orkan im Mostglas.

Ganz anders sehe ich die Vergiftung der Bürger mit Bullshitnachrichten rund um die Uhr. Die Aufregung über eine Belanglosigkeit wird selbst zur Nachricht. Damit entsteht ein völlig unbegründeter Bedeutungszuwachs: Etwas, das kaum der Rede wert wäre, erhält durch mediale Verbreitung gesellschaftliches Gewicht. Ich vermute, nein, ich bin mir sicher, dahinter verbirgt sich ökonomische Logik. Empörung erzeugt Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit erzeugt Klicks, und Klicks lassen sich vermarkten.

Liebe Leserinnen und Leser, ich bin in der Hoffnung, dass es bei Ihnen im Hirnkasten klickt und nicht auf dem Handy. Wer mehr über deutsche Empörung und Idiotie erfahren will, der tröste sich mit Kurt Tucholsky. Uns kann er helfen, sich selbst 1935 nicht. Ihm wurde der ganze Bullshit damals schon zuviel, und er erlöste sich mit Schlaftabletten.