Briefe an Laura

Weihnachten in Rom

20. Oktober 2026 | Briefe an Laura

Bitte kein großes Gedöhns, aber wenn ich gerade weniger produktiv bin hat das seine Gründe. Lendenwirbelschmerzen begleiten mich seit 20 Jahren. Nun dachte ich, jetzt muss endlich operiert werden, nicht erst in zehn Jahren, wenn ich völlig morsch bin. Gesagt getan, in zwei Tagen sei alles okay und ich könne nach Hause. Das war aber keine korrekte Meldung. Tatsächlich war ich in zwei Tagen wieder zuhause, aber keine Ahnung, wann ich wieder flott laufen kann, wie lange die Schmerzen noch andauern werden? Die Woche über habe ich mich mit einer täglichen Handvoll IBU in erträgliche Bereiche gedröhnt. Heute fand ich in meinen Entlassungspapieren ein Rezept für ein Opiat, das wirklich hilft. Es sind allerdings ziemliche K.-O.-Tropfen. Egal, wie auch immer, ich kriege momentan wenig zustande und habe mir ziemlich hirntod auf dem Laptop alte Fotos angeglotzt, insbesondere die Bilder vom letzten Dezember in Rom.

Letzte Weihnachten, das Heilige Jahr 2025, es waren allein eine Million Philippiner in der Stadt, dazugepackt ungefähr weitere zwei Millionen Pilger. Den Petersdom konnte ich nur von Ferne anschauen, der Platz war ein monströs festgebackener Klumpen von Gläubigen. In der Nähe, vor dem Vatikanischen Museum erlebten Eva und ich eine Warteschlange von einem Kilometer. Eva, frech wie Oskar marschierte an dem Lindwurm vorbei, denn vorne am Eingang wachte ein Polizist. Eva belagerte ihn und winkte mir dann heftig. Ich wackelte nach vorne und wurde mit Eva durchgewunken. Es folgte ein solches Gedränge, dass ich vergaß zu fragen, wie sie, wie Eva, den Polizisten hypnotisiert hatte. Nun im Fleischschwolf der Museumsbesucher, an diesem Tag waren es 30.000, dachte ich mir nach hundert Metern. “Eva, das ist Scheiße hier, ich stehe das zähe Geschiebe konditionell gar nicht durch. Es gab aber kein Zurück. Eva sagte, es gebe keine Ausgänge unterwegs, der nächste Ausgang sei in 7 (sieben) Kilometern.

Dann endlich in der verstopften Sixtinischen Kapelle, nahezu besinnungslos, erging ich mich in einer Erinnerung von vor dreißig Jahren, dass der Ausgang jetzt nahe war. Ein Kilometer musste noch abgehumpelt werden. Vor dem Museum stand ein Taxi, dessen Fahrer einen Fixpreis, egal wohin, von 48 Euro einheimsen wollte. Mit Eva kann man das nicht machen; “Fuck You!”, Sie rief mit dem Handy ein Uber-Taxi und ich war gerettet.
Die restlichen Tage erlebten wir in hoher Stimmung. Die Italiener feiern ziemlich kitschfrei und mit wenig  chinesischen Glitzerlämpchen oder religiöser Heuchelei, die meist Merkantiles verbrämt. Auch am Heiligen Abend sind bis spät noch Geschäfte geöffnet und alle Kneipen laufen unter Vollast.

Anderntags, auf Mietfahrrädern klapperten wir alles ab was uns interessierte. Da wir beide, Eva und ich, komische Leute sind, interessierte sich die Touristenverklumpung nicht für das was uns interessierte.
Liebe Leserinnen und Leser, mein gescheiter Opa, von dem ich den Vornamen geerbt habe, er sagte mir immer: “Vinzle, halte dich immer an die Minderheiten, denn bei der Mehrheit ist die Dummheit!” Daran habe ich mich  immer gehalten. Der wunderbare Gerhard Polt sagte einmal ungefähr in seiner lakonisch hintergründigen Bissigkeit: “Rom…, was soll ich da, ist ja alles baufällig.” Von dieser Baufälligkeit gibt es massenweise Sehenswürdigkeiten mit denen man Jahre verbringen könnte. Insofern sortierten Eva und ich aus und wir konzentrierten uns auf das frühe Christentum. Die Römer lungerten auf mittlerweile wackeligem Status auf ihren Chaiselongues als die erste Gefolgschaft Jesu im Untergrund die Messen las.

 

Die Laokoon-Gruppe im Vatikanischen Museum wehrt sich gegen mich und die anderen. Die Kunstschätze sind unermesslich. All das war teuer und wurde vor Jahrhunderten der Bevölkerung abgepresst. Es tut mir leid für meine Vorfahren, aber sie haben mir einen riesigen Dienst erwiesen und ein wunderbares Erbe hinterlassen. Das dritte Bild, die Basilika San Clemente. Der untere Teil der Kirche ist 2000 Jahre alt, der Beginn des Christentums in Rom.

Trotz des apokalyptischen Touristenaufkommens in der Stadt, fanden wir überall Fröhlichkeit, auch gutes und preiswertes Essen. Natürlich gibt es Nepplokale, aber so etwas zu erkennen dafür sind Eva und ich geübte Profis.
Ob ich die Vatikanstadt noch einmal betrete weiß ich nicht, mit den Leihrädern etwas außerhalb des Zentrums finden sich die interessantesten Sehenswürdigkeiten und Gasthäuser sowieso.

Verliebt habe ich mich auch. Schauen Sie bitte dieser Köchin in die Augen. Eine beseelte Frau. Sie macht keinen Job, sie faselt auch nicht von Leidenschaft, sondern sie ist es. Nach vierzig Jahren Umgang mit Menschen habe ich eine gute Kenntnis meiner Artgenossen. Mit dieser Frau an der Seite ist man in jeder Hinsicht gerettet. Ihr Gesicht strahlt eine Schönheit und Hingabe aus, die mich sofort gerührt haben.Meine LieblingsköchinSo etwas gibt es in Deutschland und Frankreich auch. Traurigerweise habe ich so eine Frau hierzulande noch nicht gefunden. All die kochenden Kerle in Deutschland und in Frankreich, die ihr Geltungsbedürfnis aufblähen, müssten vor ihr in den Staub sinken. Die Grande Cuisine ist fast verschwunden, die Mamma-Küche, abgedrängt, aber immer noch am Blühen.

Für wenig Geld gibt es jede Menge Fürsorge. In den sechs Tagen um Weihnachten haben wir mit Freuden immer gut gegessen. Es war Hochsaison für Artischocken: Carciofi alla giudia, also auf jüdische Art. Eine römische Spezialität, besonders im jüdischen Viertel, auf der anderen Seite des Tibers, nicht weit von Trastevere.

 

Vor dem Kapitolinischen Museum. Ein Besuch ist unumgänglich und nie total überlaufen. Viele Stufen muss man hoch, oder man kommt von hinten mit dem Fahrrad.