Briefe an Laura

Herbert Marcuse

16. Oktober 2026 | Briefe an Laura

Liebe Laura,

ich möchte dir einen für mich sehr wichtigen Zeitgenossen vorstellen: Herbert Marcuse war einer der einflussreichsten deutschen Philosophen des 20. Jahrhunderts. Er gehörte zur Frankfurter Schule und war eine intellektuelle Leitfigur der Studentenbewegung von 1968.

Mein längst verstorbener Freund, der Jazzgitarrist und Zeichner Volker Kriegel, erzählte immer wieder von ihm. Er hatte bei Marcuse studiert und war ihm sehr verbunden. Marcuse sparte allerdings nicht mit Kritik und meinte, Kriegels Hirnkasten sei zu mehr tauglich, als nur Gitarre zu spielen.

Kriegel, wie auch Hans Traxler und F. W. Bernstein, die dem Umfeld der Frankfurter Schule beziehungsweise der Neuen Frankfurter Schule angehörten, hatten großen Einfluss auf mich, der ich ja nicht nur aus Kocherei bestehe.
Nun also zum Guru der Frankfurter Schule, zu der auch Adorno und Habermas gehörten.

Liebe Laura, seit Marcuse und auch schon vorher, weiß man, dass die moderne Gesellschaft ihre Bürger nicht unbedingt gewaltsam unterdrückt, sondern viel subtiler umgarnt. Sie suggeriert Freiheit durch Wohlstand, Konsum, Unterhaltung und eine vielfältige, aber nur scheinbare Wahlfreiheit.

Wir können zwischen zahlreichen Waren, Lebensstilen und Unterhaltungsangeboten wählen. Doch die entscheidenden Fragen stellen wir uns nicht mehr:
Warum muss ich immer mehr konsumieren?
Warum beurteile ich meinen eigenen Wert nach Leistung und Besitz?
Wer bestimmt, was ich wirklich brauche?
Weshalb erscheint mir die bestehende Gesellschaft als alternativlos?
Warum verwechsle ich Bequemlichkeit mit Freiheit?

Marcuse nennt diesen Zustand Eindimensionalität.

Den meisten Menschen erscheint unser heutiges Dasein als alternativlos. Tatsächlich können uns nur noch schwer vorstellen, dass unsere Gesellschaft grundsätzlich anders organisiert sein könnte.

Ein Beispiel: Stellen wir uns jemanden vor, der täglich mehrere Stunden mit seinem iPhone verbringt. Er entscheidet, welche Videos er anschaut, was er sich im Internet bestellt und welchen Menschen er folgt. Das empfindet er als Freiheit. Doch sein Verhalten wird von Algorithmen gelenkt, seine Bedürfnisse werden durch Werbung beeinflusst und seine Vorstellungen von einem guten Leben durch soziale Vergleiche geprägt.

Da fragt man sich: Ist das wirkliche Selbstbestimmung – oder nur eine bequeme Form gesellschaftlicher Anpassung? Ein Mensch benötigt Nahrung, Sicherheit, Zuwendung und Möglichkeiten zur Selbstentfaltung. Benötigt er aber wirklich ständig ein neues Auto, den neuesten Handy oder ständig neue Kleidung? Muss er sich unaufhörlich selbst optimieren, um in dieser verrückten Welt mithalten zu können?

Meine Gedanken im Sinne Herbert Marcuses münden schließlich in einem seinem zentralen Gedanken: Man kann seine Bedürfnisse befriedigen und trotzdem unfrei bleiben, wenn diese Bedürfnisse selbst Ausdruck gesellschaftlicher Herrschaft sind.