Liebe Laura,
der Katalog eines Antiquars kam ins Haus und bei der Durchsicht erspähte ich den Namen Ferruccio Busoni. Er war Komponist und in Sachen Klavier eine Ausnahmeerscheinung. Mit ihm habe ich mich ein wenig beschäftigt, bis mir bewusst war, dass seine Kunst meine Erkenntnismöglichkeiten weit überstieg. Anlässlich eines Besuchs bei Martin Walser schenkte ich seiner Frau, einer guten Pianistin, einen Folianten in prächtigster Ausstattung. Es war eine Ausgabe von J.S. Bachs wohltemperiertem Klavier in einer Ausgabe von 1916.
Und heute lese ich in dem Antiquariatskatalog, »Busoni – Ježower, Ignaz, Der Poetische Cicerone “Venedig”. Durch das Wort Busoni geriet ich an den Schriftsteller Ježower. Der Titel “Venedig” des kleinen Büchleins, eher ein Heftchen, tat sein Übriges. Ježower beschreibt in exzellentem Deutsch die erste und die zweite Venedigreise von Johann Wolfgang von Goethe. Er geht sezierend darauf ein, was Goethe an Lord Byron so begeisterte.
Ich hatte also einige Gründe, der Vita des Ignaz Ježower nachzuspüren. Ignaz Ježower war ein polnisch-deutscher Kulturhistoriker, Schriftsteller, Herausgeber und Übersetzer, der im literarischen Berlin der Weimarer Republik wohlbekannt war und am 17. Juni 1878 in Rzeszów, im Habsburger Reich, dem damaligen Galizien, geboren wurde. Er studierte unter Literatur und Kulturgeschichte und blieb immer Berlin verbunden. Er bewegte sich im exquisiten Kreis von George Grosz, Else Lasker-Schüler, Alfred Döblin oder Kurt Schwitters. Zeitweise war Ježower literarischer Leiter beim Bong-Verlag und arbeitete auch für den Rowohlt-Verlag. Besonders interessant sind drei seiner Arbeiten: »Die Rutschbahn«, “Das Buch vom Abenteurer” (1922) – ein kulturgeschichtliches Werk über Abenteurer; die Illustrationen fertigte George Grosz. Franz Hessel übersetzte und edierte er in den 1920er-Jahren Casanovas Memoiren in einer zehnbändigen deutschen Ausgabe. Sein Hauptwerk »Das Buch der Träume« schrieb er 1928. Das Buch habe ich mir heute bestellt. Es ist eine kulturgeschichtliche Anthologie über die Träume von allerlei Leuten. Siebenhundertdreißig Seiten mit Traumerlebnissen. Man begegnet Persönlichkeiten, Herrschern und Philosophen ebenso wie Dichtern, Künstlern und Wissenschaftlern. Mit dabei sind Alexander der Große, J.W.v. Goethe, Jean Paul, Hebbel, Andersen, Strindberg, Schopenhauer, Sigmund Freud oder Walter Benjamin. Das ist aber nicht alles. Das Spektrum ist weit: Träume während des Ersten Weltkriegs, intellektuelle Leistungen im Traum, die Zeitdauer des Traums, künstlich bzw. experimentell hervorgerufene Traumbilder, okkulte Fähigkeiten im Traum, Verbrechen und Traum, Kinderträume.
Zu Else Lasker-Schüler pflegte Ježower eine nahe Freundschaft. Sie machte Ježower zu einer Figur ihrer privaten orientalischen Fantasiewelt und nannte ihn “Calmus Jezowa”, den “sanften Häuptling« bzw. »hohen Priester«. Ihr Gedicht »Moses und Josua” trägt die Widmung “Dem Bischof Ignaz Ježower”. Außerdem existieren Zeichnungen Lasker-Schülers, auf denen “Calmus Jezowa” erscheint.
Liebe Laura, Du ahnst, es handelt sich hier nicht um einen begabten Schreiber, sondern um eine herausragende Persönlichkeit. Er war jüdischer Herkunft und sein Leben im Nationalsozialismus war vernichtend. Mich macht das richtig fertig: Menschenleben wurden ausgelöscht, aber genauso schlimm, auch Wissen und abendländische Kultur. Es ist vorbei, die Morde sind nicht wieder gut zu machen. Was nicht vorbei ist, das ist unser geistiges Ausbluten, das bis heute spürbar ist. Jenseits der Demokratie geht es um Unterdrückung, vor allem dem Niederhalten einer denkenden Bevölkerung. Das wissen Regierungen, damals wie heute.
Ignaz und Erna Ježower konnten Deutschland nicht mehr verlassen. Am 13. Januar 1942 wurden beide aus Berlin mit dem 8. Osttransport, Zug Da 44, nach Riga deportiert. Dort wurden sie ermordet. Ignaz Ježower wurde 63 Jahre alt. Vor ihrem ehemaligen Wohnhaus in der Kreuznacher Straße 48 in Berlin-Wilmersdorf erinnern heute Stolpersteine an Ignaz Sebastian Ježower und seine Frau Erna.

