Liebe Laura,
diese Frau, Du hast allen Grund zur Eifersucht, führte mich auf den Weg zur flämischen Kunst der Frührenaissance.
Freude überkam mich als im Jahr 2017 eine ältere Dame die Wielandshöhe betrat. Sie stand im Foyer wie eine Göttin, zeichnete sich jedoch durch äußerste Zurückhaltung aus. Das aristokratische Gesicht musste nicht um Aufmerksamkeit heischen, im Gegenteil, eher empfand ich das edle Geschöpf auf dem Rückzug von der lauten Welt. Die Kleidung, sehr raffiniert aus teuersten Stoffen, erinnerte an ein Mimikry verschiedenster Webereien. Es waren keine gestickten Gobelins, aber mir dünkte, ebenso teuer. Sie umhüllten eine fast durchsichtig-samtene Haut und das ganze Gesicht schien wie mit weißem Seidendamast überzogen.
Sie kam in Begleitung von Robert Spaemann. Der feingliedrige Philosoph im mausgrauen Dreiteiler strahlte ebenso eine schüchterne Eleganz aus. In beiden Physiognomien furchte eine Stirnfalte die mir irgendwie Fluchtgedanken signalisierten. Ich lernte beide später noch besser kennen. Beide Ästheten könnte ich als hochsensible Gewaltmenschen einsortieren, aber ich erlebte im weiteren Umgang die Segnungen der Altersmilde. Spaemann, 1927 geboren, verlor früh seine Mutter und der Vater suchte sich keine weitere Ehepartnerin, sondern ließ sich zum Priester weihen. In Dorsten ging er zur Schule, was mich bemüßigte, im Atlas zu stöbern und dann dieses Städtchen im Niemandsland, nördlich von Essen auszumachen. Der Mann, mittlerweile ein leptosomer Greis zeigte sich schon auf dem Schulhof als Ausnahmefall, als etwas Besonderes, denn man rief ihn als den Sohn des Kaplans.
Kein Wunder, dass seine wissenschaftlichen Neigungen mit religiöser Ethik, Menschenwürde und einer guten Portion Konservatismus behaftet waren. Er beriet unter anderem Papst Wojtyla und Papst Benedikt. An Kritikern mangelte es dem Mann nicht, und so ätherisch er als mein Gast bei Tisch saß, um so streitbarer musste er in seiner Jugend gewesen sein. Auf seine späten Tage hat er sich dann tatsächlich die Chuzpe abgerungen, einige male teuer essen zu gehen. Am 10. Dezember 2018 hat meine Kocherei nicht mehr geholfen und er verstarb mit 91 Jahren in Stuttgart. Seine signierten Bücher sind mir ein Schatz.
Wir erinnern uns, beim ersten Besuch stand er im Schatten der Künstlerin Anita Albus vor mir, beide verharrten im Foyer der Wielandshöhe und ich empfang das Paar etwas unsicher, ungefähr mit der leichten Fiebrigkeit mit der man einem Weltstar gegenübertritt. Zwischen der Frau und mir changierte eine Hemmung wie man sie von einem falsch gelpolten Magneten kennt. Kommt man zu nahe schiebt mich eine unsichtbare Wand wieder auf Distanz.
Vor vielen Jahren besuchte ich immer wieder die Bleidruckerei Greno in Nördlingen und durfte einmal still dabeisitzen, als die „Andere Bibliothek“ gegründet wurde. Über die Themenauswahl der Buchreihe, im Schatten der riesigen Monotype Bleisatzmaschine, residierte Magnus Enzensberger und der lebte auch in München nicht weit entfernt von der Künstlerin Anita Albus. Damals bei Franz Greno nahm auch Hans Wollschläger an den Diskussionen teil. Für mich als Handwerker demonstrierten diese Compagnons, die sich an Eitelkeit und Godfather-Attitüde gegenseitig überboten, eine Geisteswucht, die mich buchstäblich verzwergte. Immer wieder kam die Sprache auf Anita Albus. Die Dame wurde in höchsten Tönen besungen und es wurde mit ihr ein Buch geplant.
Nun ja, und dann, 2018 steht die Queen des feinen Pinselstrichs vor mir. 1989 war ihr Roman „Farfallone“ erschienen und 1979 vertiefte ich mich in ihr Buch mit dem Titel „Die Kunst der Künste“. Sie hat noch jede Menge andere Bücher verfasst, dass ich aber diese zwei Bücher im Regal hatte brachte mir ihre Herzlichkeit ein.
Ihr großes Anliegen war die Malerei, die sie in den Techniken, sozusagen in Gefolgschaft zu Jan van Eick mit Akribie betrieb. Sie erklärte, dass man ihre Bilder, in Büchern oder sonstwo, als Druckwerk nicht umfassend erleben kann. So machte ich mich auf den Weg nach München in die Georgenstraße Nr. 4 zur Villa des Pieper Verlags, einem herrschaftlicher Palazzo, dessen erstes weiträumiges Stockwerk sie bewohnte. Madame hatte ein Faible für ausgesuchte Utensilien und Handwerkszeug. Sie kocht auch gerne und ihre ausgesuchten, auch historische Küchenutensilien, die ihre riesige Küche schmückten wären einen eigenen Roman wert.
Professionelles Küchengerät stand parat. Deutlich sind mir die Companie von Kupfertöpfen in Erinnerung. Um 1976 hatte ich mir ein Arsenal dieser Kupfertöpfe bei Dehillerin, unweit der Markthallen in Paris besorgt. Die Firma gibt es noch heute, aber die Töpfe sind mittlerweile dünnes Kupferblech. Der Preis damals richtete sich nach dem Gewicht. Man sammelte aus den Regalen seine Töpfe, ging zur Kasse und legte die Beute auf die Waage.
Ich sagte schon, die Küche von Frau Albus hatte fast die Ausmaße einer Einzimmerwohnung, und die Ausstattung entsprach ernsten Ambitionen. Viel mehr interessierte mich aber ihre Farbenkunst nebenan. Dieses Wohnzimmer zeigte sich letztlich als Bibliothek mit eingebauten Glasvitrinen und Schubladenkästen ringsum. Die Ausstattung, insbesondere die Regalschränke machten der Möbelpolitur Ehre und noch mehr Ehre dem Verlagsgründer Reinhard Piper, der 1904 dieses Haus gebaut und dies große hallenartige Zimmer eingerichtet hatte.
Anita Albus bückt sich zu einer Türe der riesigen Schrankwand, öffnet und entnimmt ein Ultramarinpigment, gibt einen halben Teelöffel auf eine dicke Glasplatte, ein Tropfen Walnußöl darauf und dann beginnt sie mit dem sogenannten Läufer, einem großen und schweren Glasstempel Öl und Farbe anzureiben. Der Läufer ist an der Unterseite völlig plan und mit den kreisenden Bewegungen wird das Pulver noch feiner. Ultramarin (über die Meere) hat noch einen schöneren Namen, nämlich Lapislazuli, einem blauen Edelstein. Bereits die Alten Meister, oder nenne ich sie besser Großmeister und vor allem meine Leidenschaft für Giotto Bondone, schwärmten für diese Farbe.
Bei dieser Farbe kommt mir immer Giottos Scroveni-Kapelle in Padua in den Sinn. Während Madame kreisförmig das Ultramarinpuver reibt wendet sie ihr Wort an mich: “Ich hatte ihnen doch beim letzten mal ein Schmetterlingsbild von mir gezeigt. Die Oberfläche der Flügel sind äußerst schwer zu malen, sie wirken wie Samt. Eine solche Oberfläche lässt sich in einem, egal wie präzisen Kunstdruck ,nicht wiedergeben, und das ist mein Dilemma.” Die sanften kreisenden Bewegungen des Läufers sind Meditation. Das braucht es auch, denn Lapislazuli ist glashart und es dauert. Je feiner gerieben, um so mehr tritt das Blau zutage. Ein Freund von mir, Kriegsfotograf der im Remstal wohnt und im Afghanistankrieg sein Leben aufs Spiel setzte, er hatte das Lapislazuli-Bergwerk in den Bergen Afghanistans besucht. Seit über achthundert Jahren wird an diesem Ort der Edelstein aus dem Fels gebrochen.
Ich selbst habe mir mit Gummiarabicum für meinen Aquarellkasten Lapislazuli gerieben. Es ist schweißtreibend, denn das Edelsteinpulver ist von kristalliner Härte. Zu kaufen gibt es das bei der Farbmühle Kremer in Aichstetten bei Memmingen.
Die Bekanntschaft mir Anita Albus ist längst in die Jahre gekommen, hatte sich jedoch wieder belebt, als sie mich bat ihr beim Verkauf Ihres Schlosses Châtoillenot im nördlichen Burgund zu helfen, wo ich sie ein Jahr zuvor besucht hatte. Ich trieb einen Schweizer Immobilienhändler auf. Dann aber kam von Madame das Kommando zurück, denn die Zeitschrift Architecture Digest wolle einen großen Bericht über das Latifundium machen. Ein Bericht in dieser Zeitschrift kann als Ritterschlag einer Immobilie gelten und ist auf alle Fälle wertsteigernd. Immer wieder wundere ich mich, dass Leute glauben ich wäre auf allen Geschäftsfeldern des Daseins ein kompetenter Partner. Anita Albus meinte ich würde viele Leute kennen. Das höre ich öfters, in Wirklichkeit kenne ich von meinen vielen Gästen nur das Gesicht, und ganz selten auch etwas, das dahinter verborgen sein könnte. Kurzum Diskretion ist mein Geschäft und insofern zeigte ich mich gegenüber Madame als Immobilien-Vollniete.
Das Verhältnis sprang aber erneut an, als sich, dank fortgeschrittenen Alters meine Geduld und Sturheit festigte, um ihr bisher nur flüchtig gelesenes Werk “Die Kunst der Künste” nachhaltig in meinen Hirnkasten zu drücken. Im Eingangstext führt uns Anita Albus zurück in eine Zeit, als die Malerei noch als die “Kunst der Künste” galt. Anhand der Malerei Jan van Eycks zeigt sie, wie es den Malern des 15. und 16. Jahrhunderts gelangt, die Betrachter in ihre Bilder hineinzunehmen, die Welt zu zeigen und was es damals über sie zu wissen gab. Nie wieder in der Geschichte der Kunst, vereinte die Malerei, Zeit und Raum, Form und Fülle auf so vollendete Art. Eine große Rolle spielten dabei die verwendeten Farben, die den heutigen synthetischen Farben zwar an Vielfalt unterlegen, aber an Ausdruckskraft weit überlegen sind.
Mit Anita Albus werde ich Dir noch eine Fortsetzung nachreichen. Sie inspirierte mich, dass ich mich heute noch intensiv mit flämischer Malerei beschäftige.
Anita Albus zeigt gerne die Tierwelt und nicht selten von Mystik unterfüttert.
Es ist eine Kunst der Langsamkeit, die Präzision erfordert. Anita Albus bekam für Ihre Bücher viel Anerkennung. Weitgehend verweigerte sich jedoch der moderen Kunstbetrieb Ihrer aus der Mode gefallenen Malerei.

