Briefe an Laura

Claude Monet und “Père Paul”

8. Oktober 2026 | Briefe an Laura

Liebste Laura,
Die unten genannten Männer möchte ich Dir einmal aus einem anderen Blickwinkel vorstellen.

Claude Monet, * 14. November 1840 in Paris als Oscar-Claude Monet; † 5. Dezember 1926 in Giverny
Georges Clemenceau, * 28. September 1841 in Mouilleron-en-Pareds, Département Vendée; † 24. November 1929 in Paris

Der Maler und der Staatsmann Clemenceau pflegten innige Freundschaft. Genauer kannst Du das im Insel-Taschenbuch Nr. 1152 nachlesen. Clemenceau führte Frankreich durch den Ersten Weltkrieg, was ihm den Beinamen „Le Tigre“ einbrachte. Die Deutschen hatte er gefressen und war auch für den quälenden Frieden von Versailles verantwortlich. Ich war der Ansicht, dass Clemenceau, der sich auch oft mit Monet besprach, Deutschland auf das „Dritte Reich“ zugetrieben hat. Mittlerweile denke ich, dass dies als alleinige Kausalerklärung nicht gerecht ist.

Er wollte nach 1918 vor allem verhindern, dass Deutschland Frankreich erneut militärisch bedrohen konnte. Das ist vor dem Hintergrund einleuchtend: Frankreich hatte furchtbare Kriegsschäden erlitten. Clemenceau drängte deshalb auf hohe Reparationen, militärische Beschränkungen und eine dauerhafte Schwächung Deutschlands. Der Vertrag von Versailles wurde für Deutschland zum Symbol der Demütigung. Deutschland verlor etwa 13 % seines Vorkriegsterritoriums, musste sein Heer auf 100.000 Mann beschränken und gewaltige Wiedergutmachung akzeptieren. Besonders Artikel 231 des Friedensvertrags von Compiègne, die sogenannte Kriegsschuldklausel, wurde in Deutschland als nationale Schande empfunden. Genau das half Hitler auf die Bühne der Welt. Dann kam 1929 das Elend der Weltwirtschaftskrise. Mehr muss man dazu nicht sagen.

Clemenceau rechne ich hoch an, was er sinngemäß in einem Satz formulierte:
„Ich habe Deutschland zweimal Frankreich verwüsten sehen: 1870 und 1914/18. Ich werde nicht zulassen, dass es ein drittes Mal dazu fähig ist.“
Die Tragik Clemenceaus war, dass er, „Le Tigre“, mit seiner Friedensverhandlung im Bahnwagen von Compiègne genau das Gegenteil erreichte. Matthias Erzberger, ein Schwabe aus Buttenhausen bei Münsingen war der deutsche Unterzeichner.

Clemenceau erholte sich von den Anstrengungen der Politik und von mentalen Zweifeln häufig bei Claude Monet in Giverny. Er besorgte seinem Busenfreund Monet, der sich in politischen Fragen immer besonnen verhielt, einen prominenten Platz für seine ausladenden Seerosenbilder. Die Bilder haben durch seinen Freund eine eigene „Ruhmeshalle“ im Musée de l’Orangerie in den Tuilerien bekommen.

Die Seerosen – es gibt noch unzählige Varianten – an denen habe ich mich sattgesehen. Die ganze Malerei Monets hat leider keinerlei kritische Beobachtungen der Zeit zum Inhalt. Das ist eigentlich ein bisschen mager. So dachte ich vor Jahren. Mittlerweile, inmitten der modernen und oft hässlichen Welt, ist mir die Malerei ein Hort des Friedens. Sie erfüllt das, was ich nun in reichlich fortgeschrittenem Alter bevorzuge. Monets Kunst dient der Schönheit. Sie erfreut mein Herz, und das ist, was ich und sicher viele andere nötig haben.

Wenn Du Dich an den Seerosen müde erfreut hast, dann empfehle ich einen Besuch des Belvedere-Museums in Wien. Dort hängt mein Lieblingsbild:

Claude Monet logierte während eines Aufenthalts in Pourville-sur-Mer im Jahr 1882 bei dem elsässischen Koch und Hotelier Paul Antoine Graff (1823–1893), genannt „Le Père Paul“. Eigentlich nannte sich das Hotel „À la Renommée des Galettes“. Bretonische Galettes sind Buchweizen-Crêpes, gefüllt mit Schinken, einem Spiegelei oder sonst was, bis hin zu kleinen Ragouts. Monet reiste am 15. Februar 1882 an. Monet malte ihn, dem Koch zum Dank.

Man muss sich das Gesicht des Smutje genau anschauen: Die Güte im Blick des Mannes, ein Schaffer, er ist von sich mit leichtem Stolz, von seiner Arbeit überzeugt. Die verhaltene Freude und Gradlinigkeit auf seinen Beruf sind im Gesicht eingeschrieben. Mir geht das unter die Haut.