Briefe an Laura

Françoise Rabelais

18. September 2026 | Briefe an Laura

Liebe Laura, Du brauchst mal wieder zündende Gehirnakrobatik in Buchform: Mit Rabelais bis Du optimal aufmunitioniert.
Er war Mönch, Arzt, Fressack, geübter Trinker und vor allem ein Meister des befreienden Lachens. Sein Weltbestseller heißt:
Gargantua und Pantaguel.

François Rabelais gehört zu den schillerndsten Persönlichkeiten der französischen Renaissance. Er war Ordensmann und Kirchenkritiker, Arzt und Schriftsteller, gelehrter Humanist und zugleich ein Meister derben Volkshumors. In seinen Büchern verband er tiefgründige Gedanken über Bildung, Religion und Politik mit grotesken Abenteuern, ungeheuren Mahlzeiten und einem geradezu überbordenden Sprachwitz. Seine berühmtesten Gestalten, die Riesen Gargantua und Pantagruel, machten ihn zu einem Wegbereiter des modernen Romans. Seit Jahren bemühe ich meinen Wortschatz anzureichern. Nirgends wurde ich so fündig wie bei Rebelais.

Er wurde vermutlich in den 1480er- oder frühen 1490er-Jahren auf dem Landgut La Devinière bei Chinon in der Touraine geboren. Das ist die Gegend die ich mit Eva momentan, in diesen Betriebsferien, bereise.

Sein genaues Geburtsjahr ist nicht bekannt; meist werden 1483 oder 1494 genannt. Sein Vater Antoine Rabelais war Jurist und gehörte zum wohlhabenden Bürgertum. François erhielt daher wahrscheinlich eine für seine Zeit gründliche Ausbildung, die neben Grammatik und Rhetorik auch Musik, Mathematik und Astronomie umfasste. Schon früh entwickelte er drängende Neugier, die später sein gesamtes Werk prägen sollte. Die Unsicherheit über viele Einzelheiten seines Lebens ist für die Rabelais-Forschung bezeichnend: Bereits im 19. Jahrhundert galt eine lückenlose Biografie wegen der dürftigen Quellenlage als nahezu unmöglich.

Als junger Mann trat Rabelais in den Franziskanerorden ein. Im Kloster von Fontenay-le-Comte beschäftigte er sich intensiv mit den Schriften der griechischen und römischen Antike. Besonders das Studium des Griechischen war damals keineswegs selbstverständlich. Manche kirchlichen Autoritäten betrachteten es sogar mit Misstrauen, weil die Kenntnis der Originalsprache eine eigenständige Auslegung des Neuen Testaments ermöglichte. Im Jahr 1523 wurden Rabelais und einem befreundeten Ordensbruder ihre griechischen Bücher vorübergehend weggenommen.

Diese Erfahrung dürfte seine kritische Haltung gegenüber geistiger Bevormundung geprägt haben. Mit päpstlicher Erlaubnis wechselte er schließlich zu den Benediktinern, die den humanistischen Studien aufgeschlossener gegenüberstanden. Später verließ er das geregelte Klosterleben ganz, ohne jedoch mit der Kirche vollständig zu brechen. Rabelais war kein grundsätzlicher Gegner des Christentums. Seine Kritik richtete sich vielmehr gegen Fanatismus, Heuchelei, erstarrte Dogmatik und die Unwissenheit mancher Geistlicher. Kurzum, er war genau mein Typ.

Um 1530 nahm sein Leben eine Wendung. Rabelais studierte an der berühmten medizinischen Fakultät von Montpellier und erwarb zunächst den akademischen Grad eines Bakkalaureus. Später wurde er zum Doktor der Medizin promoviert. Er war im Hôtel-Dieu in Lyon tätig und machte sich als kenntnisreicher Arzt einen Namen. Seine medizinische Tätigkeit war mit seiner humanistischen Bildung eng verbunden: Er übersetzte und kommentierte antike Ärzte wie Hippokrates und Galen und vertrat eine Heilkunde, die sich auf genaue Beobachtung und die ursprünglichen Überlieferungen stützte.

Lyon war damals eines der wichtigsten Zentren des französischen Buchdrucks. Hier begann Rabelais seine eigentliche schriftstellerische Laufbahn. Im Jahr 1532 erschien sein erster großer Roman Pantagruel. Vorsichtshalber veröffentlichte er ihn unter dem Namen „Alcofribas Nasier“, einem Anagramm aus „François Rabelais“. Das Buch erzählt die Jugend und die Abenteuer des Riesen Pantagruel. Zwei Jahre später folgte Gargantua, die Geschichte von Pantagruels Vater. Obwohl Gargantua später erschien, bildet der Roman innerhalb der erzählten Familiengeschichte den Anfang.

Hinter den ausgelassenen Abenteuern seiner Riesen verbirgt sich ein ernstes humanistisches Programm. Rabelais verspottet eine Bildung, die lediglich aus Auswendiglernen, Wortklauberei und sinnlosen Disputen besteht. Genau das wo runter wir heute immer noch heftig leiden.

An ihre Stelle dieser gedanklichen Kleinbürgerei setzte er das Ideal einer umfassenden Erziehung: Der Mensch soll Sprachen, Geschichte, Naturwissenschaften, Musik und praktische Fähigkeiten erwerben, zugleich aber auch seinen Körper ausbilden und ein verantwortliches Urteil entwickeln. Wissen allein genügt nicht – es muss mit Gewissen und moralischer Einsicht verbunden werden. Also, genau das Gegenteil unserer heutigen Fachidiotie.

In Gargantua entwarf Rabelais außerdem die berühmte Abtei von Thélème. Über ihrem Eingang steht sinngemäß die Losung: „Tu, was du willst.“ Damit war keineswegs schrankenlose Willkür gemeint. Rabelais vertraute vielmehr darauf, dass freie, gut erzogene und verantwortungsbewusste Menschen aus eigenem Antrieb richtig handeln können. Freiheit sollte nicht durch Zwang, sondern durch Bildung und Vernunft ermöglicht werden.

Rabelais reiste mehrfach nach Italien, meist im Gefolge seines einflussreichen Beschützers Jean du Bellay, der später Kardinal wurde. In Rom lernte er das kirchliche und politische Leben aus unmittelbarer Nähe kennen. Solche Beziehungen zu mächtigen Förderern waren für ihn lebenswichtig, denn seine Bücher gerieten wiederholt ins Visier der theologischen Fakultät der Pariser Sorbonne. Man warf ihm Gotteslästerung, Obszönität und religiöse Unzuverlässigkeit vor. Seine Kritik machte ihn sowohl katholischen Eiferern als auch strengen Reformatoren verdächtig. Selbst Johannes Calvin griff ihn an.

Dennoch schrieb Rabelais gnadenlos weiter. 1546 erschien das Dritte Buch, nun erstmals unter seinem wirklichen Namen. Im Mittelpunkt steht Panurge, Pantagruels gewitzter, feiger und widersprüchlicher Gefährte. Er möchte heiraten, fürchtet aber, von seiner zukünftigen Frau betrogen zu werden. Um Gewissheit zu erlangen, befragt er Gelehrte, Wahrsager und Philosophen – ohne jemals eine eindeutige Antwort zu erhalten. Auf komische Weise behandelt Rabelais hier eine ernste Frage: Wie soll der Mensch handeln, wenn weder Wissenschaft noch Religion noch Autoritäten ihm letzte Sicherheit geben können?

Das Vierte Buch erschien 1552. Pantagruel und seine Gefährten reisen nun über ein fantastisches Meer und besuchen seltsame Inseln, deren Bewohner jeweils eine menschliche Schwäche oder gesellschaftliche Fehlentwicklung verkörpern. Die Fahrt wird zu einer satirischen Entdeckungsreise durch die geistige Welt des 16. Jahrhunderts. Ein Fünftes Buch erschien erst nach Rabelais’ Tod; ob es vollständig von ihm stammt, ist bis heute umstritten. Die Hauptwerke Pantagruel, Gargantua, das Dritte Buch und das Vierte Buch entstanden zwischen 1532 und 1552.

Rabelais starb wahrscheinlich 1553 in Paris. Auch über seine letzten Lebensmonate bestehen Unsicherheiten. Das lange verbreitete Bild vom gemütlichen Dorfpfarrer von Meudon ist zum Teil Legende. Tatsächlich besaß er zwar kirchliche Pfründe, hielt sich aber offenbar nicht dauerhaft in Meudon auf.

Seine bleibende Größe liegt vor allem in seiner Sprache. Rabelais schöpfte aus dem Lateinischen und Griechischen, aus regionalen Mundarten, medizinischen Fachbegriffen, dem Wortschatz der Handwerker und Seeleute sowie aus Sprichwörtern und erfundenen Ausdrücken. Er liebte endlose Aufzählungen, Übertreibungen und Wortspiele. Das französische Adjektiv „rabelaisien“ bezeichnet deshalb bis heute etwas Lebenspralles, derb Komisches und sprachlich Überschwängliches.

Doch Rabelais war keineswegs nur der Apostel des Essens, Trinkens und lauten Gelächters. Hinter seiner Komik steht ein ernstes Vertrauen in die Entwicklungsfähigkeit des Menschen. Er verteidigte Bildung gegen Unwissenheit, das freie Denken gegen Dogmatismus, den Frieden gegen sinnlose Kriege und eine menschliche Religiosität gegen Fanatismus. Gerade das Lachen war für ihn ein Mittel der Erkenntnis: Es konnte falsche Würde entlarven, Angst vertreiben und den Menschen von geistiger Enge befreien.

So erscheint François Rabelais als geradezu beispielhafter Renaissancemensch. Mit ihm begegnen sich mittelalterliche Erzähltradition und modernes Denken, christlicher Glaube und kritischer Geist, gelehrte Wissenschaft und volkstümliche Komik. Seine Bücher feiern die sinnliche Freude am Leben – doch sie fordern zugleich dazu auf, hinter den Scherzen nach einem tieferen Sinn zu suchen. Darin liegt ihre bis heute ungebrochene Lebendigkeit.

Die meisten Bücher von Rabelais sind gekürzt. Ich empfehle antiquarische Ausgaben. Meist sind es zwei Bände, insgesamt annähernd 800 Seiten. Preisgünstig zu kaufen bei www.zvab.com
Ich habe die zwei Insel Dünndruck-Taschenbücher, diese sind momentan total überteuert.