Vincents Tagebuch

Futterplatz “Bouillon”, Dijon

3. Juni 2026 | Tagebuch

Im Herbst 2025 parkte ich ganz in der Nähe der “Kirche Notre Dame” in Dijon, der Hauptstadt des Burgund. Zwei Ecken weiter fand ich den Ort meiner Sehnsucht und Bedürfnisse. Ich litt an einem Hungerödem. Es regnete, stürmte, Kälte kroch in mich, ich war ein Notfall. Bei meinem Wunschlokal fand ich jedoch keinen Einlass. Vor der Türe ein Schlange von zehn Metern. Ich schaute durch die Scheiben und sah innen ein dionysisches Treiben, ein Knäuel von Lebensfreude und hörte durch die Scheiben fast das lustvolle Schmatzen.

Das ließ mich nicht mehr los. Heute am 1. Juni 2026, das Auto hatte ich beim “Hotel La Cloche” geparkt, radelte ich los. Es ist ein Montag und alle guten Restaurants in Dijon sind geschlossen. Die einzig andere Anlaufstelle wäre das Restaurant „Le Central“ am Place Grangier, ganz in der Nähe meines Hotels. Dort war ich schon einmal und will die hervorragende Fleischqualität loben. Der Umgang mit Rindfleisch, das sichtbar hinter gekühltem Glas reift, ist dort höchst professionell und regelrechter Kult.
Mir war aber heute nicht nach Steaks, deshalb kurvte ich mit dem neuen E-Bike zur “Kirche Notre Dame”. In deren Schatten liegt, wie erwähnt das „Bouillon“.

Bouillons waren nach der französischen Revolution Suppenküchen für das minderbemittelte Bürgertum. Nun ist solch Hilfreiches für Minderbemittelte wieder auferstanden. Überall werden „Bouillons“ als die Demokratisierung des guten Essens gefeiert! Die Medienkamarilla ist bereits voll aufgesprungen. Es handelt sich aber nicht um einen Trend, eine löbliche Bewegung, sondern in Dijon um eine Company, eine Bistrotkette. Sie wurde 2021 eröffnet und orientiert sich am traditionellen Pariser Bouillon-Konzept: klassische französische Küche, schnelle Bedienung und moderate Preise.

Die Schnecken waren mit sieben Euro sehr preiswert und auch okay, da kann man nicht viel falsch machen.
Das Essen an den Nebentischen kurz beäugt, sah nicht nach dem Koch meines Vertrauens aus. Mir kam der Verdacht, das Credo der Institution sei Convience-Kitchen, also organisiertes Essensverbrechen, aus einer Vorbereitungsküche für vakuumiertes Vorgegartes.

Achtung: Das Hühnerbein mit Pommes betritt die Bühne. Es bot dem Blechbesteck keinen Widerstand, sondern zerlegte sich in vorauseilendem Gehorsam buchstäblich von selbst. Hoffnungslos übergart, dermaßen dass ich es mit einem Röhrchen hätte einsaugen können. Die Pommes sahen aus, als wären sie eine Ausgrabung und der Hauptmann von Kapharnaum hätte die Dinger geschnitzt. Hühnerbein mit Pommes 11,00 € da hatte ich beim Bestellen schon Zweifel haben können. Und nun, was für eine Pleite. Trotzdem, rings um mich glückliches Schmatzen. Alle happy und von klassischem Schnäppchenjäger-Syndrom befallen, vollkommen gratis war um mich glücklicher, orkanartiger Krawallpegel.

Den Laden hatte ich in meinen Empfehlungen, weil ich ja einmal durch die Scheiben gesehen und all die glücklichen Gesichter mich auch beglückten. Gott sei Dank habe ich das nocheinmal überprüft.
Es ist also in Frankreich wie in Deutschland, Schnäppchenpreise fressen Hirn.

Hunger ist der beste Koch.