Liebe Laura, Du bist noch jung, lebst in der Gegenwart und schaust begründet mit Optimismus in die Zukunft. Von der Vergangenheit muss man möglichst viel wissen, aber nicht darin leben oder sie gar fortleben.
Letzte Woche war ich über die freien Tage im nördlichen Burgund und zwei Tage in der Hauptstadt Dijon. Die Stadt ist auf alle Fälle eine Reise wert, das weiß aber nicht nur ich sondern auch andere, wobei ich Tourismus in angenehmer Weise, selbst ja auch Tourist, erleben durfte. Im Hotel und in den Restaurants treffe ich auf vorwiegend älteres Publikum und sehr viele Amerikaner und auch Niederländer. Alle machen einen gut situierten Eindruck. Schön ist, dass man Amerikaner erleben kann, die nicht zu der Spezies gehören, die momentan USA regiert. Was mir bei diesen gutsituierten Reisenden buchstäblich ins Auge stach? Das waren die Ehefrauen zwischen 60 und 70 Jahren, die krampfhaft versuchten, so auszusehen, als seien sie noch achtundzwanzig. Gefärbte Haare bis zum Hintern hinunter, die Hälfte hinten, die anderen vorne oft das Gesicht verhängend. Keine schlechte Idee um die desaströsen Verzerrungen alter Schönheitsoiperationen zu verstecken. Erschreckend, dass man sich intensiv mit dem Verfallsdatum von Joghurt beschäftigt aber nicht mit dem eigenen Körper. Die Visage straff gezogen, Augen werden zu Schlitzaugen, und die restlichen Narben führen gegenseitig einen Kampf um die Vorherrschaft. Das alles in einem möglichst schreienden Outfit zu dem Jugendliche längst nicht die Courage hätten.
Aber Schluss jetzt mit dem Gejammer. Es gab auch andere Frauen, die zeigten, dass man mit 70 Jahren noch schön sein kann, wenn man sich zu seinem Alter bekennt.
Liebe Laura, es gibt doch den Satz, “Schönheit kommt von innen”. Ich halte diesen für sehr wahr, wenn er auch wie ein Lüge klingt. Man muss sich selbst sein und nicht jemand anderen nachäffen. Wenn ich als dicker Kerl mit meinen zerknitterten ungebügelten Hosen duch die Welt wackle, wäre es arg peinlich wenn ich aussehen wollte wie ein Herrenmode-Model einer Seniorenzeitschrift. Erstaunlich wie sehr wir anderen gefallen wollen, und unser eigenes Gefallen ganz vergessen. “Was denken die Leute”, meckerte meine Mutter über meine juvenile Haarlänge. Irgendwann fanden alle Leute meine Mutter prima, nur sie selbst sich nicht. Umgekehrt wäre es besser gewesen.

