Liebe Laura, Heute sprechen wir über ein Gemälde Alter Meister. Wahrscheinlich geht es Dir wie mir. Da guckt man auf immer ähnliche Motive, die Muttergottes, das Jesulein, die Apostel, die Heiligen. Ich bestaunte die feine Malerei der großen Meister. Das war es dann aber auch schon.
Man muss sich in die Zeit der Altdeutschen Maler zurückversetzen. Die Bevölkerung war nahezu komplett, bis auf den Klerus, des Lesens und Schreibens unkundig. So verfiel die Kirche auf die Idee mit Bildern Geschichten zu erzählen. Da hätten wir zuerst einmal das Motiv, meinetwegen von Matthias Grünewald, die Stuppacher Madonna. Sie ist zu sehen, in dem kleinen Ort Stuppach, nicht weit von Bad Mergentheim entfernt. Ein Auflug dorthin ist dringend angeraten, zudem sich hundert Meter unterhalb der “Pfarrkiche Maria Krönung” das gute Gasthaus “Rössle” auf eine Reservierung freut.
Mit meinem Brief heute will ich Dir die Ikonographie, den Symbolgehalt zu dem Bild näher bringen. Natürlich fasziniert die Farbenpracht, der feine Pinsel, die wahrlich himmlische Malerei. Da sitzt die Mutter Gottes mit dem Kind und das Bild zeigt nicht nur das, sondern erzählt eine Geschichte. Das geschieht mit den Symbolen, die im Bild verteilt sind. Die Bevölkerung der Renaissancezeit kannte sich damit gut aus, denn jeden Sonntag bekam sie, je nach Wachzustand im Gottesdienst, vom Pfarrer eine gewisse Bibelfestigkeit eingebläut.
Die Stuppacher Madonna gehört zu den bedeutendsten Marienbildern der deutschen Renaissance. Sie entstand um 1516–1519 und war ursprünglich Teil des sogenannten Maria-Schnee-Altars für die Stiftskirche in Aschaffenburg. Heute befindet sie sich in der “Pfarrkirche Mariä Krönung” in Stuppach bei Mergentheim.
Das Gemälde ist außergewöhnlich, weil es die mittelalterliche Symbolik mit einer fast visionären Naturbeobachtung verbindet. Grünewald erzählt nicht einfach eine Geschichte, sondern verdichtet zahlreiche theologische Aussagen zu einem einzigen Bild.
Das Zentrum: Maria als neue Eva
Maria sitzt nicht auf einem Thron, sondern in einer offenen Landschaft. Sie erscheint zugleich als junge Mutter und als Himmelskönigin. Das Jesuskind ist ungewöhnlich lebendig dargestellt. Es greift nach seiner Mutter und bewegt sich frei. Dadurch wird die Menschwerdung Christi betont: Gott ist wirklich Mensch geworden.
Maria trägt ein tiefblaues Gewand.
Blau bedeutet: Himmel, Reinheit, Wahrheit, göttliche Weisheit.
Das weiße Untergewand verweist auf ihre Jungfräulichkeit.
Die Krone
Über Maria schwebt eine kostbare Krone. Sie ist nicht nur Schmuck, sondern verweist auf die Königin des Himmel, die Frau der Offenbarung des Johannes. Die Krone schwebt und Maria wirkt dadurch demütig und trotzdem erhöht.
Die Rosen gefallen mir besonders.
Rosen, insbesondere die roten, haben die Bedeutung von Liebe zu Christus, aber auch das Blut der Passion, also dem zukünftigen Leiden Christi. Weiße Rosen stehen für Reinheit und Jungfräulichkeit.
Der umschlossene Garten (hortus conclusus) stammt aus dem Hohelied des Johannes (1,1–18) und beginnt so:
Im Anfang war das Wort,
und das Wort war bei Gott,
und das Wort war Gott.
Der Garten symbolisiert die unberührte Jungfrau, das Paradies, das nicht verloren sondern sie sitzt im wiedergewonnen Paradies. Links sehen wir einen Feigenbaum, der in der Bibel eine doppelte Bedeutung hat: Nach der Erbsünde bedecken Adam und Eva ihre Blöße mit Feigenblättern. Insofern erinnert der Baum an den Sündenfall und an die Erlösungsbedürftigkeit der Menschen.
Schauen wir auf den Garten, der eine Vielzahl an Bedeutung hat. Da wären die Lilien, die auf Marienbildern sehr häufig vorkommen. sie stehen für Reinheit und Unbeflecktheit Mariens. Die Rosen für Liebe und Martyrium, der Wein für die Eucharistie, das Obst für Fruchtbarkeit und Erlösung. die Pflanzen sind naturgetreu und einzeln erkennbar.
Das Jesuskind zeigt sich ungewöhnlich lebhaft, als wolle es spielen. Damit weist der Maler auf den kleinen Jesus , das er ein wahrer Mensch, ein wahres Kind ist, zugleich auch auf den Sohn Gottes. Die Lebendigkeit des Kinds kontrastiert mit der Würde und der Ruhe Mariens.
Im Hintergrund öffnet sich die Landschaft und weist auf die ganze Schöpfung, die Erlösung der Welt und auf den Übergang vom Alten auf das Neue Testament, indem es gegen den Horizont strahlend aufhellt.
In der Ferne eine gotische Kirche, die Kirche Christi und die Gemeinschaft der Gläubigen.
Man beachte die Lichtführung. Grünewald ist ein Meister des Lichts. Grünewald gehört zu den größten Lichtmalern der deutschen Renaissance. Das Licht scheint nicht nur von außen zu kommen. Maria selbst wirkt beinahe lichtdurchdrungen und zeigt auf Gnade, die Gegenwart Gottes und die Inkarnation, dass Gott in der Person Jesu Christi Mensch geworden ist.
Zu den Farben gibt es auch noch einiges zu sagen. Darin war Grünewald ein Virtuose und ging wohlüberlegt vor. Blau steht für Himmel, Wahrheit, Rot für Liebe, Passion, Weiß für Reinheit, Gold für göttliche Herrlichkeit, Grün für neues Leben und Hoffnung
Liebe Laura, Du siehst, die Stuppacher Madonna ist nicht nur ein schön gemaltes Andachtsbild sondern verbindet theologische Ebenen wie, Maria als neue Eva heilt den Sündenfall. Christus erscheint als menschliches Kind und zukünftiger Erlöser. Der Rosengarten zeigt das wiedergewonnene Paradies dar. Die Natur ist nicht Kulisse, sondern Ausdruck neuer Schöpfung und Licht verweist auf die göttliche Gnade.
Intensive Naturbeobachtung, Symbolik und mystischen Lichtwirkung machen die Stuppacher Madonna zu einem Höhepunkt der deutschen Renaissance und zu einem der bedeutendsten Marienbilder Europas.
Liebe Laura, wie Du gelesen hast ist da einiges zusammengekommen. Ich habe Dir aber nur das Nötigste an den Kopf geworfen. Es gibt Wissenschaftler, die haben ein halbes Leben mit diesem Bild verbracht.
Restaurant zur Rose, Familie Haag:
https://rose-stuppach.de/


