Liebe Laura,in meiner Bibliothek befindet sich eine Kunstzeitschrift, die in drei Jahrgängen aufgelegt wurde von 1919-1921. Die Zeitschrift ist insofern bemerkenswert, dass ich beispielsweise im ersten Jahrgang ein Holzschnitt von Emil Nolte, von Karl Schmidt Rottluff und eine Originalithographie von Edvard Munch (“Der Schrei) befindet, Jedes Jahr wurden zwei Hefte veröffentlicht (jedes 2 Kilo). Im ersten Jahrgang 1919 finde ich eine Geschichte, eine Prosa geschrieben von Vincent van Gogh. Nirgends hab ich etwas gefunden, wo sich Vincent van Gogh in Prosa äußert. Was es reichlich gibt, das sind seine Briefe an den Bruder. Insofern bin ich ziemlich erfreut über diesen raren Fund. Hier also nun die kurze Geschichte von Vincent van Gogh.
EIN LEBEN
von Vincent van Gogh
aus dem Französischen übersetzt von L.L. Eberlein 1919
Es ist nun etwa fünfundzwanzig Jahre her, daß ein Mann von Granville nach England fuhr. Nach des Vaters Tode machten sich seine Brüder das Erbe streitig und versuchten zumal ihn um sein Teil zu bringen. Des Streitens müde überließ er jenen sein Teil und kam arm nach London, wo er die Stelle eines Französischlehrers an einer Schule erhielt.
Dreißigjährig heiratete er eine Engländerin, die bedeutend jünger war als er. Sie hatten ein Kind, eine Tochter. Nach sieben oder acht Jahren der Ehe verschlimmerte sich die Krankheit seiner Brust. Einer seiner Freunde frug ihn deshalb, ob er noch einen Wunsch habe, worauf er gestand, daß er vor dem Tode gerne noch einmal die Heimat sähe.
Sein Freund zahlte ihm diese Reise. Er reiste also, todkrank, mit seiner Frau und seiner sechsjährigen Tochter nach Granville. Dort mietete er eine Kammer bei armen Leuten am Meere. Abends ließ er sich zum Strande tragen und verfolgte, wie die Sonne im Meere versank.
Eines Abends, da man ihn dem Tode nahe sah, beriet man seine Frau, daß es an der Zeit wäre den Priester zu rufen, der ihm die letzte Ölung geben solle.
Die Frau, eine Protestantin, war dagegen. Er aber sagte: „Laß sie gehn“. Der Priester kam und der Kranke beichtete vor allen Leuten des Hauses. Alle die Umstehenden weinten, als sie dies Leben hörten, gerecht und rein wie es war.
Danach wünschte er, daß man ihn mit seinem Weib alleine lasse. Alleine umarmte er sie und sprach: „Ich habe dich geliebt”. Dann starb er …
Er liebte Frankreich, vor allem die Bretagne, er liebte die Natur und erkannte Gott.
Darum erzählte ich euch das Leben dieses Fremdlings der Erde, der dennoch einer ihrer wahren Bürger war.
Vincent van Gogh.

