Vincents Tagebuch

Spargelessen Glaubenssache?

14. April 2026 | Tagebuch

Es ist natürlich keine wissenschaftliche Analyse, aber seit 50 Jahren gehe ich bei meinen Gästen vom Tisch zu Tisch und wünsche guten Appetit oder sage Grüß Gott oder Guten Tag, aber niemals „Hallo!“ Letzters ist ein Phänomen, das mit der allgemeinen Handysucht zu tun haben muss. Wenn wir den Handy nicht dabei haben kommt es zu Verlassenstraumata. Doch, egal wo das Ding rumliegt in unseren Köpfen ist es ständig eingeschaltet. Aber jetzt zur Psychologie des Spargelverzehrs.

Ich kam zu der Erkenntnis, dass Essende (*woke) den Spargel vom Ende her zum Kopf und andere zuerst den Spargelkopf also das Beste zuerst vertilgen. Ich bin durch die Gnade des Alters etwas klebrig (bäppig) die “Täter” u fragen ob sie evangelisch oder kaholisch sind. Ob dieser Frage staunen Sie. Ich erkläre, dass ich in einer Klosterschule, kreuz-finster-katholisch aufwuchs. Ich esse immer das Beste zuerst. Es könnte sein dass ich und andere Vaticanos von einem pessimistischen Grundrauschen ausgebremst werden, sich das Beste zuerst schnappen, wer weiß was später kommt?
Protestanten glauben offensichtlich freudiger an eine sichere Zukunft und essen das Beste, den Spargelkopf zuletzt. Auf anderer Metaebene, könnte man auch pietistisch röcheln, erst das Fegfeuer dann das Himmlische

PS. Zu meiner Jugend war es üblich, die Spargel von Hand zu essen. Die grandiose Anstandsdame der Adennauerzeit war Erika Pappritz, die Hohepriesterin des klassischen Stils und Benimms. Durch sie und allgemeingültig durfte auch ein Saitenwürtstchen niemals mit Messeer und Gabel gegessen werden. Mit den Spargel hat es eine lange Tradition. Der Spargel galt als Phallussymbol und daran fummelt man tunlichst nicht mit dem Messer. Deshalb wird übrigens ein Ochsenschwanz nur von Feministinnen zerhackt, pazifistisch jedoch an den Knopelngelenken durchgetrennt.

"Rössle" Endersbach. Echte, aufgeschlagene Hollandaise, federzarter Kalbsrücken und Spargel weich, aber nicht zu weich. Eine große Kunst. Überall gibt es jetzt den knackigen Spargel, der sein Aroma noch nicht entfaltet hat.