Liebe Laura,
ich will Dir heute etwas über Phantasie erzählen. Wir leben in einer Zeit in der viel glauben, wenn sie Fantasy-Filme gucken, dass das etwas mit Phantasie zu tun hätte. Ich glaube eher an das Gegenteil. Ich denke, dass die Phantasiekraft durch Handy und Video eher abnimmt.
Wir leben in einer Zeit der Spezialisten, die unglaublichste Dinge entwickeln. Da sind ausgefuchste Fachkräfte am Werk. Die wirklich Erfolgreichen sind aber nicht nur in ihrem Metier, beispielsweise im Ingeniösen unterwegs, sondern auch im Spielerischen. Vielleicht waren und sind die California-Boy vom Surfbrett runter deshalb so erfolgreich. Der Gründer von Apple, Steve Jobs beispielsweise, war das Gegenteil eines Fachidioten, der von Einem alles weiß und von Allem Anderen nichts. Seine Leidenschaften waren die Gestaltungskraft des Bauhauses in Dessau, die Zen-Ästhetik, moderne Architektur, japanischer Minimalismus und auch Dieter Rams, er war der Chefdesigner der Firma Braun (Braun Radio), der zehn gestalterische Thesen in die Welt rammte: Als erstes “Weniger ist besser!”
Gutes Design ist innovativ. Gutes Design macht ein Produkt brauchbar. Gutes Design ist unaufdringlich. Gutes Design ist ehrlich. Gutes Design ist langlebig. Gutes Design ist bis ins letzte Detail konsequent. Gutes Design ist umweltfreundlich. Das alles hat mit Computern nicht allzuviel zu tun, sondern mit Phantasie.
Langfristig weniger erfolgreich sind die “Wirklichkeitsmenschen”. Diese laufen letztlich der Wirklichkeit hinterher. Das habe ich von Egon Friedell: ” Die vorhandene Wirklichkeit, mit der der Realist rechnet, befindet sich in Agonie und jenseits der Phantasie. Phantasie gebrauchten Cäsar und Napoleon so gut wie Dante und Shakespeare. Die anderen, die Praktischen , Positiven, dem “Tatbestand” Zugewandten leben und wirken, näher betrachtet gar nicht in der Realität. Sie bewegen sich in einer Welt, die nicht mehr wahr ist.
Sie befinden sich in einer ähnlich seltsamen Lage wie etwa die Bewohner eines Sterns, der so weit von seiner Sonne entfernt wäre, dass deren Licht erst in ein oder zwei Tagen zu ihm gelangte: die Tagesbeleuchtung, die diese Geschöpfe erblicken wären sozusagen nachdatiert. In einer solchen falschen Beleuchtung, für die aber der Augenschein spricht, sehen die Meisten Menschen den Tag. Was sie Gegenwart nennen ist eine optische Täuschung, hervorgerufen durch die Unzulänglichkeit ihrer Sinne, die Langsamkeit ihrer Situationserfassung. Die Welt ist immer von Gestern.
Abgeschieden von dieser Sinnestäuschung lebt der Genius, weswegen er gerne Weltfremd genannt wird. Dieses Schicksal trifft in gleichem Maße die Genies des Betrachtens und die des Handelns. Nicht nur Goethe, Kant, auch Alexander der Große und Friedrich der Große, Mohammed und Luther, Cromwell und Bismarck wurden am Anfang ihrer Laufbahn für Phantasten angesehen.
Soviel von Egon Friedell. Ich füge noch hinzu, den genialen Konstrukteur Wilhelm Maybach. Als Waisenkind in Heilbronn geboren, als Kind schon mit reicher Phantasie ausgestattet, immer am Basteln und Werken. Er lebte in seiner Welt und sah sich einer Welt von Fachleuten und eindimensionalen Spezialisten gegenüber die ihn ständig ausbremsten. Einzige Ausnahme war Gottlieb Daimler, auch er mit überreicher Phantasie ausgestattet. Er lebte nicht nur im Jetzt, sondern wie Maybach auch im Morgen. Beide waren der Gegenwart voraus. Vor vielen Jahren kutschieerte mich ein Gast und Freund in seinem Mabach Zeppelin duch die Gegend. so etwas vergisst man nicht. Zwölf Zylinder, fast so groß wie ein Autobus. Maybach und Daimler, beide standen in tiefer Schuld des Pfarrers Gustav Werner. (Bitte selbst weitergooglen.

