Liebe Laura,
an dich dachte ich und bin dann gedanklich zur Jeanne d’Arc übergewechselt und der Nationaldichter Fontane war mit dabei.
Heinrich Theodor Fontane (1819-1898) darf man getrost einen deutschen Nationaldichter nennen. Neben seinen Romanen, Balladen, Gedichten und Theaterkritiken wird gerne übersehen, dass er auch ein Historiker, oder anders gesagt: ein Kriegsberichterstatter im Auftrag seines Verlegers war. Sein Weg führte ihn über Frankfurt, Weißenburg, Sulz, Bergzabern, Saarburg, Lunéville, Nancy nach Toul, wo er am 4. Oktober eintraf. Das war 1870, also mitten im deutsch-französischen Krieg. Von dem Provinzstädtchen Toul aus unternahm er seinen berühmt gewordenen Ausflug in die Heimat der Jungfrau von Orléans nach Vaucouleurs und Domrémy la Pucelle. Aus gleichem Grund – wenn auch nicht als Kriegsberichterstatter, bin ich auch unterwegs. Bei schönem Wetter ist die hügelige Gegend sicher erfreulicher als bei Nieselregen, dies soll mich aber nicht betrüben.
Ich reise dem Dichter Theodor Fontane hinterher, um wie er das Geburtshaus von Johanna von Orléans (französisch Jeanne d’Arc) zu besuchen. Sie wurde um 1412 in Domrémy in Frankreich geboren. Sie war eine junge Bäuerin, die angab, göttliche Stimmen zu hören, die sie dazu beriefen, Frankreich im Hundertjährigen Krieg zu retten. Mit außergewöhnlichem Mut, Erzengel Michael hatte ihr in einer Vision den Befehl dazu erteilt, überzeugte sie den französischen Thronfolger Karl VII., ihr ein Heer anzuvertrauen. 1429 führte sie ihre französischen Truppen gegen die Engländer, befreite Orléans von den Besatzern und trug so entscheidend zur Krönung Karls VII. bei.
1430 geriet Johanna in burgundische Gefangenschaft, wurde an die Engländer ausgeliefert und wegen Ketzerei angeklagt. 1431 verbrannte man die Widerstandskämpferin in Rouen, gerade mal 19-jährig. 1456 sprach ein kirchliches Revisionsverfahren sie frei, und 1920 wurde Johanna von Orléans von der katholischen Kirche heiliggesprochen. Sie gilt bis heute als französische Nationalheldin und Symbol für Glauben, Mut und Widerstand. Ich kenne viele solche Geschichten der Misshandlung von Frauen, nur weil sie auf irgendwelchen Gebieten besser waren als Männer. Das durfte nicht sein. Ist heute nicht viel anders. Der Mann war der Chef, und so ist es für manche Dumpfbacke heute noch. Die Frau soll Kinder kriegen, schuften und das Maul halten.
Ich bin überzeugt, dass unser heutiger Fortschritt zu einem guten Stück den Frauen zu verdanken ist. Ich bin mir auch sicher, dass der Islam niemals wirklich aus den Puschen kommen wird, solange diese Relgion die Frauen vom öffentlichen Leben, der Wissenschaft, Forschung und Produktion fernhält. Schaut man sich erfolgreiche Männer an, so steht (fast) immer eine stützende Frau dahinter. Nun aber zurück zu unserem Unglücksraben, dem brandenburgischen Dichter in den Landen der “Grande Nation”. Französische Soldaten verhafteten ihn am 5. Oktober 1870 – am Geburtshaus von Jeanne d`Arc, als angeblichen Spion. Und sperrten ihn in ein Militärgefängnis. Er hatte fatalerweise (und warum auch immer) ein Messer bei sich, und schlimmer noch, einen Revolver.
Fontane erlebte harte Tage im Gefängnis, er musste sich Behandlungen gefallen lassen, die nicht nur unwürdig, sondern auch gefährlich waren, ihm drohte die Hinrichtung. Traumatische Erfahrungen, die er in seinem Buch „Kriegsgefangen. Erlebtes 1870“ beschrieb, allerdings ohne allzu konkret auf die Demütigungen einzugehen; er erzählt auch, wie er sich mit den Gefängniswärtern angefreundet hatte und sie miteinander Domino spielten. In seinem späteren Buch „Aus den Tagen der Okkupation“ beschreibt er die Stimmung in den von Deutschland besetzten Gebieten, berichtet ziemlich anders als die heutigen Kriegsreporter, die mehrheitlich über Tod und Elend schreiben , was auch gut ist. Fontane schreibt über das Schöne und Gute, was besonders ehrenwert ist. Man könnte ihm natürlich vorhalten, dass er manches verharmloste, denn für die Franzosen war dieser Krieg wirklich schrecklich.
Der Siebzigerkrieg endete mit Napoleons III Niederlage und Gefangenschaft bei Sédan. Ganz nebenbei hob es den französischen Kaiser aus dem Sattel, in dem er sich eh kaum noch hatte halten können. Der Kaiser hatte übelste Hämorrhoiden, war hinten wund wie ein Pavian und im Kopf voll mit dem damalig angesagten Schmerzmittel Morphium. Er war quasi total “stoned”. Die Hauptstadt Paris hielt noch ein bisschen länger durch, wurde von deutschen Truppen belagert. In der Stadt kam es zu ernster Hungersnot. Eine Pariser Ratte, das angesagte Fleischgericht des Kriegselends, katzengroßen Viecher der Rasse „Rattus Rattus Parisi“ kostete so viel wie heute ein Fahrrad. Diese Ratte war ein absolutes Luxusprodukt, und der Spruch ist nach wie vor gültig: Hunger ist der beste Koch. Die besseren Kreise der Stadt ließen es sich im Restaurant “Voisin” gutgehen. Die Haute Volée delektierte sich unter anderem an Löwenfleisch, Antilope, ein Nashorn wurde gekillt und man bediente sich mit weiterer Exotik aus dem Zoo.
Und das Volk? Es rebellierte. Und stürmte am 4. September die Deputiertenkammer, setzte den Kaiser ab und rief die Republik aus. Nach knapp drei Monaten wurde der Aufstand von der französischen Armee unter Duldung württembergischer Soldaten niederkartätscht. In der sogenannten „Blutwoche“ (21. bis 28. Mai 1871) wurden zwischen 20.000 und 40.000 Kommunarden hingerichtet – alle ohne Gerichtsverfahren. Bei den Erschießungen setzte die Armee Maschinengewehre ein. Die Pariser Commune: Karl Marx sah in ihr die „Vorhut einer neuen Gesellschaft“. Bert Brecht setzte den Revolutionären mit seinem Stück „Die Tage der Commune“ ein literarisches Denkmal. Frankreich – der Erbfeind. Diesen Begriff gab es schon vor diesem Krieg, aber die Niederlage und vor allem die Schmach des 18. Januar 1871, als im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles der preußische König Wilhelm I. sich zum Deutschen Kaiser krönte, sorgten dafür, dass Franzosen und Deutsche sich über Generationen hinweg misstrauten, so wirkmächtig war der Groll, dass ich ihn in meiner Kindheit noch spürte.
Diese Kaiserkrönung war ein verheerender Missgriff, eine Demütigung, die Rachegedanken schuf. So musste Deutschland nach der Niederlage im 1. Weltkrieg im Eisenbahnwaggon von Compiègne harten Waffenstillstandsbedingungen zustimmen. Im Juni 1940 rächte sich Hitler symbolträchtig: Frankreichs Kapitulation wurde im gleichen Waggon und am gleichen Standort unterzeichnet. Es gibt, denke ich, nichts Gefährlicheres als ein Volk zu beleidigen und zu erniedrigen. Die Gründung des Deutschen Reiches in der Herzkammer des französischen Staats, ein kultischer Ort – Steilvorlage für die beiden folgenden Kriege.
Zurück zu unserem Dichter, der in seiner Zelle schmorte. Er hatte Schreibverbot und galt für seine Familie als verschollen, die in heller Aufregung und voller Sorge um ihn war. Erst nach zehn Tagen, am 14. Oktober 1870, konnte Fontane von Besançon aus einen Brief nach Hause schreiben, erst als für ihn die Gefahr, als Spion erschossen zu werden, vorbei war. Er wurde dann nach Roche sur You, nördlich von La Rochelle verlegt, bekam wie bereits in Besançon Papier und Tinte und schrieb nun fleißig Briefe, unter anderem auch an Césaire Matthieu, Kardinal-Erzbischof von Besançon. Dieser setzte sich sehr für ihn ein. Auf dessen Veranlassung hin wurde Fontane als „Comme Officier Supérieur mit einigen Vergünstigungen auf die Insel Oléron verfrachtet.
Hier gewann Fontane, dessen französischer Nachname auf Hugenottisches zurückgeht, wieder seine gute Laune und Lebenszuversicht. Von der Spionage freigesprochen, war er aber trotzdem noch Kriegsgefangener. Erst im November 1870 durfte er wieder in seine Heimat zurück. Sein Lieblingsessen konnte er dann im Brandenburgischen genießen, nämlich Gans mit Rotkohl und Klößen: “Ne jute Jans ist die beste Jabe Gottes”, sagt man dort.
- Nancy, Place Stanislas
- Geburtshaus Jeanne d’Arc



