Liebe Laura, ich klicke auf meinem Laptop herum und dann tauchte ein Text meines alten Freundes Wiglaf Droste auf. Du kennst ihn bisher nicht, er verstarb vor einigen Jahren. Unsere Freundschaft dauerte ungefähr zwei Dekaden und ich hatte viel von ihm gelernt.
Frieden schaffen ohne Gaffen
Von Wiglaf Droste
Selbstverständlich empfinden alle – ausgenommen die Gaffer selbst – das Verhalten all jener, die Unfallopfer, Schwerverletzte und Leichen am Straßenrand oder in brennenden Häusern beglotzen und begaffen und mit diesem Brachialvoyeurismus auch noch die Arbeit der Hilfskräfte behindern, moralisch als abstoßend, unbegreiflich, widerwärtig und juristisch als ahndungswürdig ordnungs-widrig bis kriminell.
Die Absonderung von Empörung allein ist unfruchtbar. Sensationslüsternheit, auch angesichts des Todes anderer, ist alles andere als neu. Zu den Zeiten, in denen Menschen in nahezu allen Teilen der Welt öffentlich verstümmelt oder gehenkt, verbrannt, gesteinigt, aufgehängt, gepfählt, gevierteilt und auf jede erdenkliche Art vom Leben zum Tode befördert wurden – dies nur zum Thema Beförderung -, handelte es sich um Volksbelustigung, um Massenvergnügungen mit Grusel und Schauder als i-Punkt, gern für die ganze Familie. Kinder wurden herausgeputzt, Händler und Marketender bauten ihre Buden auf, Artisten zeigten ihr Können, es herrschte Wies’n-Stimmung und war sozusagen eine Mordsgaudi mit dem moralischen Mehrwert angeblicher Abschreckung.
Der Unterschied zum digitalen Zeitalter, in dem dergleichen Ereignisse Massenevent mit Bonus-Kick heißen, liegt darin, dass die Gaff-Affen eben nicht mehr nur glotzen, sondern auch fotografieren und filmen wollen, vielleicht fürs Familienalbum, oder um es gleich weiterschicken / posten zu können: “Was verbrachten wir doch für herrlich schreckliche Stunden auf der A9 …!”
Technisch sind sie mit Smartphones, DigiCams etcetera bestens dazu ausgerüstet, und das Equipment ist für wenig Geld legal zu haben. Die Erklärung der Produzenten und Distributeure, sie hätten das schließlich nur hergestellt beziehungsweise verkauft und seien nicht dafür verantwortlich, was ihre Kunden damit anstellten, ist so plausibel wie die Behauptung von Waffenherstellern, -händlern und -lobbyisten, mit der späteren Verwendung dieser Waren hätten sie nun wirklich nichts zu tun und schafften im Gegenteil Arbeitsplätze.
So wie jeder Waffenfabrikant und Waffenhändler von Krieg, Mord und massenhaftem Tod profitiert, so machen die Vertreter der sogenannten Unterhaltungsindustrie ihr Geschäft mit einer Klientel, der beim Anblick Sterbender und zu Tode gekommener nichts einfällt als Maulaffen feilhalten und draufhalten und die Toten damit ihrer letzten Würde beraubt.
Wer der Maxime “Frieden schaffen,- ohne Waffen” – anhängt, sollte sie dringend um das Gaffen erweitern. Denn die Gaff-Waffen sind Hauptbestandteil in den Waffenarsenalen des 21. Jahrhunderts.

