Vincents Tagebuch

Schwäbisch

von | 5. Mai 2018 | Allgemein

Einige junge Leute fragte ich: „Sagt euch der Name Willy Reichert etwas“? 

Die Antworten gerieten ungefähr so zufriedenstellend, als hätte ich nach Haptschepsut der Dreiviertelvorzwölftenten gefragt. 


Wer es nicht weiß, Willy Reichert beglückte mit schwäbischer Humor die Anfangstage des Fernsehens. Er servierte jeder Menge gescheiten Witz und Hintergründiges. Trotzdem wird dieser Mann von mir schuldig gesprochen. Er hat mit anderen Komplizen das sogenannte Honoratiorenschwäbisch installiert, bzw. verbreitet.  Er nuschelte in fatal selbstgerechtem Singsang der gemütlichsten Art, die auch kreuzpietistisch ins Falsett hinüberschnappen konnte. Dieses Honoratiorenschwäbisch, die Frucht saturierter Gottesfürchtigkeit, dieses Stuttgarter Argot, damit konnte man wegen des ständigen Diminutivs, letztlich nichts Ernstes formulieren. Es klingt immer ein wenig nach Hintertupfingkabarett. 


Das hat uns im restlichen Deutschland den Ruf des Doofies eingebracht. Das ganze riesige Schwaben hatte bisher darunter zu leiden, vor allem die herben Älbler, wie ich von der Ostalb, oder die Oberschwaben, oder die ledernen holzgeraden Schwarzwälder. Das Trottelschwäbisch hat letztlich nur ein räumlich begrenztes Herrschaftsgebiet, eben rund um Stuttgart. 

Pferdle und Äffle, der Häberle&Pfleiderer, alte SWR Schlachtrösser, all diese Helden der Heimatsoße, ich mag sie sehr, aber andererseits bin ich froh, dass sich die Zeiten hier im Land angenehm modernisiert haben. Ich sage übrigens nie Ländle, wie der Schweizer zu seinem Geld auch niemals Fränkli sagt. Diesen Schweizer Diminutiv, haben die Schwaben den Schweizern verpasst. Und zum Schluss ein Lob auf das Hochdeutsch unseres Ministerpräsidenten Kretschmann. Ein echter Schwabe, der seine Höhenluft- Hohenzollersche Maulverrenkung nie ganz los werden wird. Dass er kein Stuttgarter ist und niemals wird, verbindet mich mit ihm. 

Bei allem Geunke aber, für mich ist Stuttgart die lebenswerteste Stadt die ich mir denken kann. 


PS: In meiner Jugend habe ich mich für mein Schwäbisch geschämt, inzwischen schäme ich mich, dass ich mich damals geschämt habe. „Proudly speaking Suebia!“