Vincents Tagebuch

Elisabeth

von | 12. November 2022 | Allgemein

Auf dem Foto, mein Schwiegervater Eugen mit seinen Ochsen, mit denen er gesprochen hat und die ihm aufs Wort folgten. Wie viele heute Sonntags ihren Hund ausführen, ging er mit seinen beiden Ochsen über Wiese und Wald spazieren. Er arbeitete als typischer, schwäbischer Kleinbauer mit einigen Äckerle, den Ochsen und fünf Kühen. Das reichte zum Leben kaum, weshalb er für die Gemeinde noch nebenher im Wald schaffte.

Meine Frau, außerordentlich intelligent, durfte nur die Grundschule besuchen, selbst für Hausaufgaben blieb kaum Zeit, denn sie musste beim Ernten helfen, beim Pflügen als Sechsjährige die Ochsen vorne führen, Kartoffeln rausmachen, im Stall die Kühe füttern und in der Schule wurde sie gehänselt, weil sie nach Kuhstall roch oder dreckige Schuhe hatte. Der Schulweg führte einige Kilometer durch Wiese, Pfützen oder Matsch.

In der Pubertät setzte sie ihren sturen Kopf durch und ging von daheim weg in die Gastronomie. Sie hatte nichts, außer einem kleinen Koffer, und so bot die Gastronomie Essen, Unterkunft und Ausbildung. Es blieb nicht aus, dass wir uns irgendwann über den Weg liefen. 1974 eröffneten wir gemeinsam den Postillion in Schwäbisch Gmünd. Vier Jahre später hatten wir den Michelinstern. Elisabeth lernte unentwegt und kannte sich bald in allen Lebensbereichen gut aus. Sie las von Montaigne bis Aldus Huxley, von Rühmkorf bis Jonathan Franzen. Ihr Wissen um Architektur, um Farbenlehre, feine Stoffe, um alles Kulturelle und Stilvolle war enorm. Ihr Urteilsvermögen und ihre Geradlinigkeit war mir oft anstrengend. Sie hielt mich Wirrkopf in der Spur und letztlich habe ich viel von ihr gelernt. Ihr Leben war immer ein Kampf, aber gemeinsam waren wir stark. Es war eine große Liebe und ich bin sehr, sehr dankbar, dass alles mit meiner Tochter weiterlebt.