Vincents Tagebuch

Fremd

von | 30. September 2018 | Allgemein

Nach alldem was die deutschen Väter und Großväter im 20. Jahrhundert verbrochen haben 
ist es nachzuvollziehen, dass man Grund zum Schämen hat. Was davor war und welch großartige Leistungen davor vollbracht wurden, das ist bis heute immer noch etwas verschüttet. 
Kurzum, mit der Identität der Deutschen hapert es gewaltig. 
Deshalb nennt sich nun eine Gemüsesuppe „Minestrone“ und der Eintopf hört auf den Namen „Pot au feu“. Letzteren kann ich akzeptieren, denn die Erinnerung an den Eintopfsonntag der Nazis hockt als Phantomschmerz bis immer noch im völkischen Gedärm. „Kurzum, mir schwätzat gern auswärts!“
Besserung ist nicht in Sicht. In letzter Zeit hat sich die Speisekartensprache aber zu einer Tollhauslyrik ausgewachsen, die ich als Berufskoch, der in der europäischen Küche umfassend zuhause ist, nur noch mit Googlen kapieren kann.
Hier einige Beispiele, die nur kochende Angeber verbreiten können, die sich in oberflächliche Plagiate und in weltgewandte Illusionen versteigen:
Pelmeni (russisches Hackfleisch)
Ponzu?
Agedashi?
Stangenbohnen-Soba?
Irgendwie alles japanisch. Tomatensoße gibt es allenfalls noch in der Jugendherberge. Als Gastwirt köchelt man mit einer Tomatensalsa selbstverständlich in einer ganz anderen Liga. Dann gibt es noch Gerichte, beispielsweise eine Kirsche, die gar keine ist, sondern aus Käse mit Roter Bete zusammengehurgelt wird. Welch ein Wunder, aber mit solchen Gags ist es wie mit Witzen, einmal erzählt und sie sind tot. 
Trotz allem, man muss die Köche in gewisser Weise freisprechen, der deutsche Esser nämlich stürzt sich mit Elan und todesmutig auf alles was er nicht kennt. Diese Neugierde hat ja auch wieder was. Neugierde ist immer gut, allerdings ist sie schnell befriedigt, und so tun sich viele Restaurants, die sich mit Unverständlichem aufpumpen, auf lange Sicht schwer, ein Stammpublikum aufzubauen. Schnell ist man in den Charts und schnell wieder durch’s Sieb gerutscht. Das Verfallsdatum, der meisten zwangsoriginellen Restaurants, liegt grob geschätzt zwischen 3 und 5 Jahren. 
Oder ist das alles ganz toll und ich, mangels Selbsterkenntnis, ein alter Sack, der die Welt nicht mehr kapiert?