Vincents Tagebuch

Bocuse 1

von | 24. Januar 2018 | Allgemein

Der Maître ist gerade noch rechtzeitig gestorben. Er prägte nämlich auch den schlagwetternden Satz, dass Frauen für die Berufsküche zu blöd seien und eigentlich ausschließlich ins Bett gehörten. 
Im übrigen gibt es einen guten Grund, dass erst jetzt, so viel gute Köchinnen reüssieren. Männer heutzutage längst nicht mehr so übergriffig sind wie vor Dekaden. Meine Köchinnen heute sind allesamt Schönheiten, die hätte ich in meiner Jugend nicht einstellen dürfen, da hätte meine Frau nicht mitgespielt. 
Der Hype um „MeToo“ ist völlig daneben, denn damals waren so gut wie alle Chefs übergriffig. Soll doch niemand glauben, dass man bei Hitchcock eine Rolle bekam, ohne mit ihm ins Nest zu müssen. Sich heute über damals zu beklagen ist schlichtweg bescheuert. Seien wir froh und freuen uns, dass die Zeiten anders geworden sind. Ja, ja, die gute alte Zeit, ja, ja, sie war mehrheitlich grauenhaft. 
  
Zurück zu Bocküse: Wenn ein Mitarbeiter das Wort „rationalisieren“ in den Mund nahm, bekam der Alte einen Tobsuchtsanfall. Im Grunde hatte er da nicht ganz unrecht. Alles was rationeller und praktischer gemacht wird, ist meistens nicht richtig schön, angefangen bei McDonalds, bis hin zu Plastikfenstern.
Auf die Frage, wer kochen würde, wenn er seine Betriebe in Übersee inspiziere, antwortete Bocuse: „Wenn ich nicht da bin, kochen die gleichen, wie wenn ich da bin.“ Deshalb ist natürlich auch nach seinem Tod der Besuch des Restaurants eine Reise wert, denn sein Personal gehört selbstverständlich zur Weltelite. 
Meine Tochter erinnerte mich heute daran, dass wir zusammen, vor acht Jahren,  mit Bocuse ein Interview führen wollten. Das Menü hatten wir bereits hinter uns, der Ranzen spannte, und wir beide hatten schon einen beträchtlichen Schwips. Außerdem ist man nach einem Bocusemenü sowieso hirntot. Jedenfalls, damals produzierte ich die Zeitschrift „Häuptling Eigener Herd“. Bocuse erkannte mich nicht, und ich war auch als Journalist gemeldet. Irgendwie stellten wir blöde Fragen und ich hatte auf das gute Französisch meiner Tochter vertraut. Es war zwar wesentlich besser als meines, aber nicht gut genug. Der Meister schiss uns zusammen, dass wir mit den Nerven völlig runter waren. Diese Episode muss ich mal genauer aufschreiben.