Briefe an Laura

Gustave Courbet

6. Februar 2026 | Briefe an Laura

Liebe Laura

ich arbeite gerade an einem Buch über das Burgund und beschreibe gerade die Anfahrt, die ich gemächlich über den Schweizer und Französischen Jura abfahre. Vor Jahren war ich schon in Ornans, der Geburtstadt eines wegweisenden Künstlers. Mir hat der Ort, die Häuser sind in den Fluss hineingebaut, mir hat das so gefallen, dass ich mit meiner Frau noch zwei mal hingefahren bin. Beim ersten mal übernachtete ich einige Tage im Hotel de France und war am Spätnachmittag mit meiner Fliegenrute unterwegs. Nicht einen Fisch habe ich am Fluss Loue gefangen. Mir war es letztlich egal, ich erfreute mich an der wilden Natur und an dem glasklaren Wasser. Eine halbe Stunde entfernt entspring der gewaltige Fluss in einem Riesenschwall aus einer Felswand. Das war mir wirklich ergreifend. Heute noch muss ich an klaren Wassern, wie meinetwegen am Blautopf in Blaubeuren nicht unbedingt den kleine Quelltopf sehen. Wichtiger ist mir weiter abwärts Fische zu beobachten die in reinem Trinkwasser sich wohlfühlen. Ich erinner mich in Ornans, im “Hotel de France” noch an eine Nacht als ein offensichtlich frisch verliebtes Paar im Zimmer nebenan übereinander herfiel und ich zuerst einen Ringkampf auf Leben und Tod wähnte. Duch die dünnen Wände drang ein Gestöhne, dass des Lebens Unerfahrener vielleicht nach einem Ambulanzauto telefoniert hätte. Nun ist das Hotel gründlich renoviert und hat, wie damals eine gute Küche.

Meine Elisabeth hat, was Hotels anbetrifft etwas differenzierte Ansprüche. Bevor wir das “Château de Germigney” in Port Lesney ansteuerten besuchten wir das Geburtshaus von Gustave Courbet.

Es war ein kleines uralte Haus, zu einer Art Heimatmuseum hingepfriemelt, knarzende Treppen, finster und alles sehr authentisch. Zwei bis drei originale Gemälde waren zu sehen. Immerhin, denn Gemälde von Courbet bewegen sich im Millionenbereich. Beispielsweise erzielte “Femme nue couché” bei Christies in New York 2015 mehr als 15 Millionen Dollar. Ich kenne noch aus meinem Lesebuch in der Grundschule ein Courbetbild, nämlich die “Steinklopfer”. Es hing in der Dresdner Galerie der Alten Meister und verbrannte beim Bombenangriff im Februar 1945 . 1849 gemalt war es ein Skandal, denn die Zeit der Romantik beschönigte vieles. Das Bild existiert heute in Kopien und es zeigt zwei Arbeiter mit Spitzhacken bei brutaler Arbeit.

Diese schonungslose Sozialkritik war absolut neu. Courbet war der erste der deutlich sagte: “Keine Ideale, keine Historien, keine Helden, nur die sichtbare Wirklichkeit”. Mit dieser unverstellten aufrichtigen und auch sturen Weltsicht passte er genau ins Wesen der Jurabewohner, die auf ihren Äckern ernten, nicht nur Getreide, sondern auch viele Steine.
Das alles sollte, der Abendsonne entgegenfahrend, nicht unsere Sorge sein. Mir gelang es in Port Lesney, das Auto durch das schmale, hohe Tor des Hotels zu manövrieren. Innerhalb der Mauern des Châteaus war jedoch viel Platz, und beim Anblick auf das herrliche Gebäude kamen wir, meine Frau und ich nicht mehr auf die Idee uns mit Sozialkritik zu beschäftigen.

 

1849 Gemalt. Es war die Zeit der Beschönigung. Courbet krachte mit diesem Bild in die Idylle!