Vincents Tagebuch

Neujahrswunsch!

5. Januar 2026 | Tagebuch

Von Hermann Bausinger zu Christian Friedrich Schubart. Diese beiden Schwaben und Heroen des Überdruckhirnkastens trennen mehr als 200 Jahre. Bausinger, Professor für Volkskunde an der Uni Tübingen ist mir eine Lichtgestalt. Volkskunde hört sich harmlos an, beschäftigt man sich damit aber wissenschaftlich, so muss alles ausgeleuchtet werden was mit Volk zu tun hat. Ein weites Feld, umfassend ein Haufen Zeugs.

Christian Friedrich Schubart war Schriftsteller von der Sorte Ätznatron, ein Dichter der auch musikalisch nahe am Genie entlangschrammte. Er war ein Stachel im Fleisch des Adels und des Beamtenpopanz. Seine Schreiberei widmete sich der Wahrheit. Das brachte ihm 10 Jahre Festungshaft auf dem Hohenasperg ein.

Zu den Glückwünschen an Weihnachten und Neujahr hatte Schubart seine eigene Ansichten. Hier dazu weiterführend die Gedanken des Hermann Bausinger, ein Mann von schlanker Gestalt mit rattenscharfem Oberlippenbart und der Anmutung an einen englischen Lord. Hermann Bausinger, 2021 mit 95 Jahren verstorben ist mir unvergesslich. Hier nun seine Gedanken.

Zettelchen wie Schneeflocken
Sieht man von dieser patriotischen Vision und vom besonderen Vokabular der Zeit ab, so ist Schubarts Neujahrsartikel keineswegs überholt. Vielleicht ist er in einer Zeit, die so viel von Selbstverwirklichung spricht, sogar besonders aktuell: Niemand wird behaupten wollen, heute seien alle Wünsche vernünftig, und oft wäre es vielleicht wirklich besser, jemanden das zu wünschen, was er sich nicht wünscht.
Neujahrsglückwünsche heute: standardisierte Herzlichkeit in Großauflage, von Kaufhäusern so gut verschickt wie von Patentanten, Glücksbringer vor allem für die Bundespost. Früher, so heißt es oft, früher sei es ganz anders gewesen. Da seien Kinder und Erwachsene zu ihren Nachbarn und Bekannten gegangen, und ihre Wünsche seien wirklich von Herzen gekommen. Sicher ist etwas Richtiges an dieser Einschätzung – aber die Zeit, wo das Wünschen noch geholfen hat, gibt es nur im Märchen, und gar so groß ist der Unterschied zwischen früher und heute gar nicht.
Dafür gibt es ein interessantes Zeugnis, das etwas mehr als 200 Jahre alt ist. Christian Friedrich Daniel Schubart leitete den zweiten Band seiner »Deutschen Chronik«, die er nicht nur herausgab, sondern großenteils selber schrieb, mit einem »Neujahrswunsch« ein, indem er die damaligen Glückwunschbräuche attackiert:
»Schwerlich wird eine Provinz in Deutschland sein, wo die Neujahrswün-
sche mit einer so gewissenhaften Pünktlichkeit auf Kanzeln, Kathedern,
Rathäusern, Gassen und Straßen beobachtet werden, als in Schwaben. Da saust einem der Waidspruch: Prosit das neue Jahr, wenigstens 14 Tage lang ums Ohr. Gedruckte und ungedruckte Zettelchen flattern wie Schneeflocken von Hand zu Hand. Ich wünsche, was Du Dir selber wünschen möchtest, damit pflegt man gemeiniglich die Neujahrswünsche aufzustutzen. Und ich wünsche, daß Gott diesen Wunsch nur in dem höchst seltenen Falle gewähren möchte, wenn der Wünscher vernünftig ist.«

Schubart, der unerbittliche Menschenkenner, zählt auf, was sich die Leute selber wünschen: Ärzte und Apotheker »wünschen epidemische Seuchen«, der Gelehrte »leichtgläubige Verleger«, der Schneider sagt: »Laßt die Mode närrisch werden … und alle Wochen die Kleider verändern!«, der Glaser: »Laßt den Hagel die Fenster zerschlagen!«, der Schreiner wünscht gar »Todtenbahren«. Diesen unvernünftigen Wünschen setzt Schubart die Mahnung entgegen, die »Sachen so
einzurichten, daß wir wenig Wünsche übrig haben«.
Schubart, der Unmäßige, predigt Mäßigkeit und Seelenfrieden; dann, so meint er, kämen die Dinge ins Lot: »Fleiß und Ehrlichkeit wird den Handwerker beseelen…, die Ratsherren werden weise Väter der Stadt, die Prediger friedsame Lehrer der Wahrheit, … die Lehrer weise Führer der Jugend« – und die Rechtschaffenheit der Regierenden wie der Arbeitenden werde die Ausländer neidisch auf das Volk der Deutschen blicken lassen.
Hermann, alles andere als ein Hermit.

Christian Friedrich Daniel Schubart 1739-1791, *Obersontheim bei Aalen